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Dr. Manfred Luckas: Training versus Wettkampf
     - Boxen zwischen Leistungsethos und Lucky Punch -

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     Dr. Manfred Luckas: Training versus Wettkampf
     - Boxen zwischen Leistungsethos und Lucky Punch -

Dr. Manfred Luckas In einem Sonderdruck der Zeitschrift "Berliner Debatte INITIAL" erschien von Dr. Manfred Luckas der Artikel "Training versus Wettkampf - Boxen zwischen Leistungsethos und Lucky Punch -".

Herr Dr. Luckas betrachtet in diesem Artikel die Motivation der Boxer zu wochenlangen harten körperlichen Wettkampfsvorbereitungen im Box-Gym und stellt dem den Lucky Punch entgegen, der die intensivste Vorarbeit buchstäblich mit einem Schlag zunichte machen kann.

Für die Erlaubnis, diesen Artikel hier veröffentlichen zu dürfen, danke ich Herrn Dr. Luckas!

Dr. Manfred Luckas

Training versus Wettkampf
Boxen zwischen Leistungsethos und Lucky Punch

Der Faustkampf war seit 688 v.u.Z. Bestandteil der Olympischen Spiele und galt im antiken Hellas als idealtypische Verkörperung der Arete. Die Akzentuierung von physischer Leistungsfähigkeit, Härte und Mut, die "durch gründliche Körperschulung erworben und im Kampf und im Wettkampf bewiesen werden mußten"(1), läßt sich fast bruchlos in die Epoche des modernen Boxens und seines Pflichtenkanons transferieren. Trotz der unbestrittenen historischen Dimension des Boxens und seiner Persistenz als Inbegriff der kämpferischen Auseinandersetzung zweier Kontrahenten nach bestimmten Regeln war die akademische Beschäftigung mit diesem Thema lange Zeit unterrepräsentiert. So konstatierte denn auch der amerikanische Historiker Jeffrey T. Sammons Ende der achtziger Jahre:
"Es geschieht nicht häufig, daß ein Geschichtswissenschaftler über Preisboxen schreibt, einen Sport, der mehr Menschen dazu gebracht hat, die Nase zu rümpfen, als nach einem Stift zu greifen."(2) Der Stellenwert des Boxens als Sport, vor allem aber auch als gesellschaftliches und soziales Phänomen, ist seit jeher umstritten gewesen. Diese kritische und oft ausdrücklich negative Sichtweise hat sich in der Einschätzung reproduziert, das Boxen sei kein angemessener Gegenstand einer wissenschaftlichen Studie. John Welshman pointiert diese traditionelle akademische Meidbewegung, wenn er schreibt: "Es ist unterstellt worden, daß das Boxen wegen seiner besonderen Eigenart für professionelle Sozialhistoriker als ein nicht sehr vielversprechendes Thema gilt und daß der Widerwille diesem Sport gegenüber das akademische Interesse abgeschreckt hat."(3) Während sich im englischsprachigen Raum in den letzten Jahren ein ernstzunehmender Diskurs zu etablieren beginnt (4), treffen die o.g. Aussagen auf Deutschland, wo die Diskussion über das Boxen lange Zeit völlig marginalisiert war, noch stärker zu. Doch auch hier nimmt, ausgelöst durch den temporären Boxenthusiasmus der neunziger Jahre, die Beschäftigung mit dem Boxen als gesellschaftlichem, kulturellem und literarischem Phänomen allmählich zu.(5)

Dies erscheint um so notwendiger, als der Boxsport seit jeher als ein Hort von Mythen, Trivialisierungen und Fehleinschätzungen mißbraucht wird, die es zu dekonstruieren gilt. Vor allem der Typus des Boxers erfreut sich durch die zumeist tendenziöse mediale Präsentation eines dubiosen und klischeehaften Status, der anhand singulärer Erscheinungen wie den Eskapaden eines Mike Tyson als Normalität dargestellt wird. Loic Wacquant beschreibt dieses Klischee des Faustkämpfers als freak of nature und sozialem Außenseiter folgendermaßen: "Boxer sind rauhe, nahezu ungebildete junge Männer, die es, in kaputten Familienverhältnissen und unter Entbehrungen aufgewachsen, im Alleingang schaffen, sich aus der Gosse zu Ruhm und Reichtum hochzuarbeiten, indem sie ihren Zorn auf die Welt und ihr sadomasochistisches Verlangen nach Gewalt in Millionen-Dollar-Börsen ummünzen, bis auf diejenigen, die rücksichtslos von kaltherzigen Managern und Promotern ausgebeutet werden und mit gebrochenen Knochen und Herzen bei der Wohlfahrt landen." (6)

Das Anliegen des vorliegenden Aufsatzes besteht in der Richtigstellung dieses so pointiert formulierten Zerrbildes und in der Würdigung des Boxens als einer ernstzunehmenden Profession, die es sich durch Selbstdisziplin, Fleiß und die Bereitschaft zum Verzicht anzueignen gilt. Die Analyse wird dabei Begriffe wie Training, Arbeitsethos, Opfer und Askese in Betracht ziehen. In diesem Kontext soll auch der genuinen Motivation der Faustkämpfer nachgegangen werden, sich den Mühen der täglichen Körperarbeit im Box-Gym auszusetzen. Nach der Betrachtung der entbehrungsreichen Wettkampfvorbereitungen des Boxers wird im letzten Abschnitt eine gewisse Relativierung derselben zur Sprache kommen. Sieg und Niederlage sind bei einem Boxkampf bis zur letzten Sekunde ungewiß, da ein Lucky Punch die intensivste Vorarbeit mit einem Schlag zunichte machen kann bzw. einem im Grunde chancenlosen Boxer jederzeit die Möglichkeit gibt, eine Wende herbeizuführen.

Für die Diskussion der angesprochenen Punkte werden Selbstaussagen von Boxern im Rahmen biographischer und autobiographischer Texte sowie literarische Quellen als Untersuchungsgrundlage herangezogen werden. Gerade die Boxliteratur (7) ist eine wichtige Quelle zur Untersuchung pugilistischer Themen und Probleme und im Rahmen eines interdisziplinären Diskurses, der sich ansonsten zumeist auf historische und soziologische Methoden stützt, unerläßlich. Ein manifester Anteil des Textkorpus besteht aus literarischen Formen wie Essay, Reportage und Interview; zu nennen wären hier z.B. die Arbeiten von Wolf Wondratschek (8) und Djuna Barnes (9), die den gleichsam dokumentarischen Eindruck eines dezidierten Realitätsgehalts vermitteln. Die Präsenz "wirklicher" Boxer, wie es bei Djuna Barnes Jess Willard oder Jack Dempsey (10) sind, und der permanente Verweis auf "wirkliche" Kämpfe der Boxgeschichte (11) unterstreichenden authentischen Charakter und damit auch die Verbindlichkeit und Verifizierbarkeit des beschriebenen Geschehens. Akzentuiert wird diese Beobachtung noch durch die Tatsache, daß viele boxing writers sportjournalistisch gearbeitet bzw. selber geboxt haben und so ihre Kenntnisse "aus erster Hand" unmittelbar in ihre literarische Arbeit umzusetzen vermochten. Dies gilt nicht nur für Ernest Hemingway (12), sondern auch für Autoren wie Budd Schulberg (13) oder Jack London, der "für große Magazine und Zeitungen die gnadenlosen ,Mann-gegen-Mann'-Kämpfe mit nur wenig gepolsterten Handschuhen im ersten Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende beschrieb." (14)



Training als Arbeit
Die Wahrnehmung des Boxens in der Öffentlichkeit sowie seine Inszenierung in Film und Literatur beschränken sich zumeist auf das direkte Kampfgeschehen im Rampenlicht des Rings. Hier konzentriert sich, für alle sichtbar, die dramatische Essenz des Boxens. Nur wenigen ist bewußt, daß diese bei voller Kampfdauer zwölf (früher fünfzehn) mal drei Minuten zeitlich nur einen verschwindend geringen Anteil im Leben eines Boxers ausmachen. Um zu einem wirklichen Verständnis des Kosmos Berufsboxen und der ihm innewohnenden Gesetze und Rituale zu gelangen, muß man sich ihm dergestalt annähern, daß man die tägliche Arbeitswelt des Faustkämpfers inspiziert - die ermüdende physische Routine, die ständige Selbstüberwindung und Disziplinierung in der Boxschule: "Man gewinnt seinen Kampf im Gym", lautet eine der Maximen der Sweet Science (15). Im folgenden werden, stellvertretend für viele, drei Selbstaussagen von Boxern zu ihrem Arbeitsalltag zitiert, die charakterisieren, was Norman Mailer einmal so ausdrückte: "Im harten Training leben die Fighter in Dimensionen von Langeweile, die andere sich nicht einmal vorstellen können." (16) Johnny Wilson, 1923 Weltmeister im Mittelgewicht, berichtet über seine Kampfvorbereitung: "Ich habe immer an religiöses Training geglaubt. Was macht es sonst für einen Sinn, dort 'reinzugehen? Ich ging gewöhnlich abends um neun zu Bett. Ich stand um acht auf. Ich trank ein Glas heißes Wasser mit ein bißchen Salz, weißte, damit das ganze Fett rausgespült wird, das einem im Magen hängt. Dann gingen wir für fünf Meilen raus auf die Straße. Das machten wir etwa drei Wochen lang. Und am Nachmittag im Gym hatte ich drei Sparringpartner, mit denen ich jeweils zwei Runden boxte. Ich trainierte wie der Teufel". (17)

Die Autobiographie des jüngst verstorbenen Bubi Scholz trägt den programmatischen Titel Der Weg aus dem Nichts. Im Duktus seiner Darstellung trifft der Mythos des Weges aus dem Nichts auf den Mythos der Stunde Null. Der symbolische Gehalt der Erfolge des Berliner Rechtsauslegers für die fünfziger Jahre ist evident und macht ihn zu einer männlichen Version der Trümmerfrau: Wiederaufbau und die Generierung von Selbstwertgefühl durch die Arbeit mit den bloßen Händen.
Über das Training vor dem Kampf gegen Charles Humez schreibt er: "Jetzt muß sich zeigen, ob die Schinderei der letzten Wochen, die Läufe durch den Grunewald, die vielen hundert Trainingsrunden in der Sportschule, die drei Wochen der Askese im Hotel Gerhus, sich bezahlt machen. Besonders das Gerhus liegt mir auf dem Magen. Da habe ich konsequenter gelitten als ein Mullah im Ramadan, dem islamischen Fastenmonat. Wie meistens ging es um das Gewicht, um diese magischen 145 Mittelgewichts-Pfunde. [...] Dazu das beinahe totale Abgeschnittensein von Freunden - selbst das Telefon wurde abgeschirmt." (18)

Max Schmeling, bis heute der erfolgreichste (19) und populärste deutsche Boxer, hat sich in seinen autobiographischen Erinnerungen ebenfalls sehr ausführlich zu den Anforderungen und Entbehrungen seines Berufes geäußert: "Damit kam ein ganz neuer Rhythmus in meinen Tagesablauf. Ich kannte keine Schonung mehr gegen mich selbst. Das Training drängte alles zurück. Vorbei die langen Abende mit Freunden, das Leben nach Stimmungen und ohne feste Ordnung. Nun galten strengere Regeln als je zuvor. Als Opfer allerdings habe ich diese Einschränkungen nie empfunden. Immer war ich mir klar darüber, daß alle Leistung auf Verzicht aufbaut. [...] Auch die sportliche Leistung verlangt den Einsatz der ganzen Person: moralisch, intellektuell und seelisch. Die Beherrschung des Körpers allein macht noch keinen großen Sportler. Der Wille zum Besonderen verlangt stets die äußerste Konzentration auf ein Ziel [...] In meinem Fall bestand der Preis, den ich für die Leistung zu erbringen hatte, in stetig durchgehaltener Selbstdisziplin: es war der Zwang, früh zu Bett zu gehen, Alkohol und Zigaretten zu meiden und das ganze Leben nicht nur im Hinblick auf die Ernährung einer strengen Diät zu unterwerfen." (20) Auch in literarischen Texten begegnen einem, wenn auch seltener (21), Beschreibungen des Boxeralltags. Ein Beispiel dafür ist der Roman Tag, Fremder von Robert Lowry.
"Seilhüpfen, Sandsack, Medizinballwerfen und Schattenboxen. Drei Minuten Arbeit, eine Minute Pause, drei Minuten, eine Minute, drei und eins, bis man in einer Welt lebte, in der es nach einem Drei-und-eins-Takt ging wie bei einem Tanzmarathon. [...] Der Gong, und er ruhte aus. Gong, und er ging auf den Sandsack los. Gong, und er ruhte aus. Gong, und er drosch auf den Sandsack ein. Gong und Ausruhen. Gong, und er bearbeitete wieder den Sandsack. Gong und Ausruhen. Gong, und er wechselte die Hand-schuhe und nahm sich den leichten Sandsack vor, an dem das Timing der Schläge geübt wurde. Linke, Rechte, Linke, Rechte; Gong; Ausruhen; Gong; Linke, Rechte, Gong, Ausruhen, Gong, zack-wumm, zack-wumm, Gong, Ausruhen, Finten, Pendeln, Abducken und Zuschlagen, Gong, Ausruhen, und eine halbe Stunde war vorbei". (22)



Opfer und Askese
Besonders in der letzten Textstelle manifestiert sich der zwanghaft-repetitive Charakter des Boxtrainings, das darauf abzielt, die immer gleichen Bewegungen so oft zu wiederholen, bis sie sich in das Körperschema des Athleten eingeschrieben haben und im Kampf automatisch und unbewußt abgerufen werden können. Diesem monotonen Muster der Einprägung, den "Ritualen des Körperschmerzes" (23), wohnt ein dezidiertes Moment der Konditionierung inne, das die oft genannten Vergleiche und Assoziationen zum männlichen Wunschkörper der Maschine nachvollziehbar macht. Der sprichwörtliche und fragwürdige Terminus der Kampfmaschine ist im Boxen besonders häufig anzutreffen. Damit hängt die Erziehung des Boxers zusammen, seine Gefühle zu kontrollieren, noch besser: sie möglichst nicht zu zeigen. Diese emotionale Camouflage weist auf das boxerische Ideal des Stoischen, der Contenance und des kalten Blutes im Angesicht der Gefahr hin. Die Körper- oder Kampfmaschine ist darüber hinaus per definitionem unempfindlich gegenüber Schmerz und gleichsam unzerstörbar. An der Glätte und Härte des Metallischen prallen alle Schläge ab. Der Kampfname „Iron" Mike Tyson ist dem ehemaligen Weltmeister im Schwergewicht sicher nicht zufällig verliehen worden. (24)

Schlagtechnik und Schlagkraft müssen an verschiedenen Geräten wie Sandsack, Maisbirne oder Doppelendball endlos eingeübt werden, während man defensive Kunstfertigkeiten, die sogenannten Meidbewegungen, beim Schattenboxen oder in Partnerübungen verinnerlicht. Ein Großteil des Boxtrainings gilt der Abhärtung der Bauchmuskulatur und der Aneignung von Kondition. Dem Seilspringen als typischer Exerzitie des Pugilisten kommt in diesem Kontext fast schon eine ikonographische Qualität zu. (25) In den meisten Schilderungen des Workouts - und hier machen die Aussagen von Wilson, Schmeling und Scholz keine Ausnahme - nimmt das Lauftraining, das road work einen entscheidenden Raum ein. Der weit verbreiteten Meinung, daß sich Faustkämpfer permanent im Ring malträtieren, steht die Tatsache gegenüber, daß sie zum überwiegenden Teil außerhalb des Seilgevierts trainieren, ehe sie sich zum Sparring (26) stellen dürfen. Gerade das zermürbende morgendliche Laufen wird von vielen Boxern verabscheut, aber als notwendiges Übel akzeptiert. "Alle Leistung baut auf Verzicht auf", wie Max Schmeling formuliert, während Bubi Scholz den Begriff der Askese als Synonym wählt.

Das terminologische Umfeld von Opfer und Askese hat sich besonders im englischsprachigen Raum zu Sentenzen von mythischer Qualität verdichtet, die immer wieder im Zusammenhang mit dem Boxen zitiert werden. Dazu gehören "blood, sweat and tears", "no pain, no gain", oder auch das Motto des berühmten Kronk Gym in Detroit: "No pain, no fame". Diese gesamte Begrifflichkeit rekurriert auf die Tatsache, daß nur das Ertragen von Schmerzen und der rückhaltlose Einsatz der eigenen Physis zum Erfolg führen können. Die sprichwörtliche Härte gegen sich selbst wird dem Boxer aber vor allem im Kampf gegen das Überschreiten seines Gewichtslimits abverlangt. Entscheidend ist, wie von diversen Boxern eindringlich beschrieben, eine professionelle Lebensweise mit viel Schlaf, dem Verzicht auf Genußmittel und einer strengen Diät. "Making the weight" gehört zu den schlimmsten und die Substanz und Gesundheit am stärksten unterminierenden Torturen im Boxen. (27) Es ist auffällig, wie stark die Terminologie von Askese, Disziplin und Opfer Assoziationen zu einem religiösen Kontext weckt. (28) Bubi Scholz vergleicht die Zeit seiner Diät mit dem islamischen Fastenmonat Ramadan, während Johnny Wilson sein Arbeitsethos mit folgenden Worten definiert: "I always believed in religious training." Die Trainingsexerzitien, der rigide Ernährungsplan, das "Abkochen" und "Gewicht machen" gemahnen an religiöse Fastenvorschriften. Damit einher geht der Mythos von der sexuellen Enthaltsamkeit vor dem Kampf, der tief in dem spezifischen und latent misogynen Männerbild des Boxens verwurzelt ist. Gerald Early bemerkt dazu: "Weil die Kämpfer während ihres sechswöchigen Trainings keinen Sex haben dürfen - ein Trainer sagte mir einmal "Ficken macht einen Kämpfer schwach" -, werden Frauen in der Welt des Boxens ironischerweise gleichzeitig zum Totem und zum Tabu." (29)

Verzicht und Hingabe an den Beruf des Boxens - dedication - dominiert nicht nur den Arbeitsalltag der Kämpfer, sondern greift auch tief in ihr privates und soziales Leben ein. Bubi Scholz beklagt das "totale Abgeschnittensein von Freunden"; ein Umstand, der sich bei Rocky Marciano, dem ungeschlagen abgetretenen Schwergewichtsweltmeister von 1952 bis 1955, in potenzierter Form darstellt: "Rocky Marciano [...] scheint der Boxer gewesen zu sein, der mit der größten - einer fast mönchischen - Hingabe trainierte. Seine Trainingsmethoden wurden legendär. Im Gegensatz zu so unbekümmerten Kämpfern wie Harry Greb, der 'menschlichen Windmühle', der seine Kondition erhielt, indem er dauernd öffentlich boxte, zog sich Marciano vor einem Kampf an die drei Monate von allem, selbst von seiner Familie, zurück. Neben einem erschöpfenden körperlichen Training und einer zwanghaften Beschäftigung mit Diät, Gewicht und Muskeltonus konzentrierte sich Marciano in dieser Zeit nur auf eins: auf den bevorstehenden Kampf. [...] wie der Mönch oder die Nonne, die aufgrund eines fanatischen Willensaktes nur noch Gott sehen". (30) Diese von einer religiösen Terminologie dominierte Beschreibung verweist auf die Dimension der Subsumierung der eigenen Persönlichkeit unter das Ziel, ein guter und erfolgreicher Boxer zu werden. Nur wer bereit ist, für ein höheres Ziel zu leiden und sich dafür zu opfern, kann letzten Endes auch damit rechnen, von der Gesellschaft, die dazu neigt, den Boxer sozial zu stigmatisieren, Absolution zu erhalten. Dem hedonistischen Boxer, der Erfolg hat, haftet immer die Aura der Leichtfertigkeit und der Ungerechtigkeit gegenüber denjenigen an, die sich ihre Fähigkeiten und ihren Aufstieg hart erarbeiten müssen. (31) Für denjenigen, der trotz Talents scheitert, ist die mangelnde Bereitschaft zur Selbstqual fast schon ein moralisches Delikt, ein Verrat an den eigenen Möglichkeiten und an den Erwartungen der Fans.



Das Box-Gym: Arbeitsplatz und Schule fürs Leben
Begreift man das Boxen als Profession - "Kelly begann, sich geschäftsmäßig zu fühlen, wie jemand, der zur Arbeit geht" (32) -, ergibt sich daraus zwangsläufig die Notwendigkeit eines Arbeitsplatzes, an dem Fähigkeiten erworben und angewandt werden. Diesen stellen Gyms dar, Boxschulen, die sich in den USA zumeist in den innerstädtischen Ghettos (33) befinden. Das Ghetto manifestiert und potenziert sich in seiner anarchischen Verfaßtheit im Leben auf der Straße, dem sprichwörtlichen street life, als Paradigma der Unbehaustheit und des Regellosen. Der street fighter stellt denn auch den immer wieder zitierten Antipoden zum Typus des geschulten Boxers dar. Daraus folgt, daß auch das Gym als Gegenentwurf zum Ghetto fungiert, indem es als amerikanische Variante des hortus conclusus Ruhe, Abgeschiedenheit und Stabilität vermittelt und letzten Endes Heimat wird: "Auf der Eighth Avenue fühlte sich Kelly zu Hause wie nirgendwo sonst." (34) Das Gym stellt somit einen menschlichen Bezugspunkt dar, der im Diktum des weg von der Straße soziale Geborgenheit, Schutz und familiäre Strukturen vermittelt. (35) In den Gyms als Auffanglagern und Destillationsräumen von Ambitionen und Träumen findet die professionelle und charakterliche Ausbildung statt, welche die herkömmlichen Bildungsinstitutionen den Unterprivilegierten (36) verweigern. Das macht auch die spezifische Begrifflichkeit des Boxens als Sweet Science verständlich, die das Kämpfen mit den Fäusten als Wissenschaft, Kunst oder kunstfertiges Handwerk definiert. Das Erwerben von Fähigkeiten setzt die Disziplin und den Willen zum Lernen voraus.

Elliott Gorn zeigt die historische Genese dieses Phänomens auf, das er für die USA an das Ende des 19. Jahrhunderts plaziert, als die Modernisierung des Produktionsprozesses zu einer Umwertung des Begriffes der Arbeit führte. Hier kam dem Boxen eine kompensatorische Funktion zu: "Das Zuschauen bot ersatzweise einen Ausgleich für die Zerstörung der traditionellen Fertigkeiten am Arbeitsplatz. Dies kann man unmittelbar an der Sprache des Rings erkennen. Boxen war eine "Profession", Faustkämpfer wurden in verschiedenen "Kampf-Schulen" "ausgebildet". In der jede einzelne Runde erfassenden Berichterstattung der Zeitungen wurden immer wieder Formulierungen verwendet wie 'sie gingen an die Arbeit' oder 'er leistete gute Arbeit'. Regelmäßig wurden Wörter wie 'Kunst', 'Wissenschaft' oder 'Handwerk' angeführt, um die Fähigkeiten von Boxern zu beschreiben." (37) Diese gewisse terminologische Überhöhung diente auch dazu, der gesellschaftlich lange diskreditierten Tätigkeit des Preisboxens einen Status zu verleihen, welcher den Erfolg dieser Profession nicht von vornherein in Frage stellte. Als Beruf ausgewiesen, der hohe Fertigkeiten verlangte und ebenso erlernt werden mußte wie jede andere Art von Arbeit auch, erwuchs den Boxern und ihrer Umgebung eine Aura von Legitimität, die allerdings von außen bis heute immer wieder bezweifelt wird. Diese Aura verdichtet sich in den Gyms, den "Universitäten des Boxens". (38) Die "Studenten" der Sweet Science fanden ihre "Alma Mater" im Fifth Street Gym in Miami oder dem Gramercy-Gym, 14. Straße, 116 East, sowie besonders im Stillman 's Gym, das von A. J. Liebling als "die Universität der Eighth Avenue" bezeichnet wurde: "In den großen Schulen des Mittelalters schärften die Gelehrten ihren Verstand im gegenseitigen Disput. Preisboxer tun das gleiche." (39) Boxen ist eine Schule für das Leben und mit dem Streben nach beruflichem Erfolg geht auch das Moment der Charakterbildung einher. Die angesprochenen Werte von Disziplin und Arbeitsethos verweisen dabei historisch auf den proletarischen Hintergrund des Boxens - "der Ring blieb hauptsächlich eine Domäne der Arbeiterklasse und er vermittelte eine spezifische Empfindsamkeit der Arbeiterklasse". (40) Das Gym dient der Einübung dieser Werte anhand harter Arbeit und rigider Vorschriften, die darauf abzielen, den Boxer zu einem nützlichen und wertvollen Mitglied der Gesellschaft zu machen, ihn in sozialer Hinsicht zu domestizieren, jedoch ohne ihn seines genuinen Virilitätsethos zu berauben. Im Gym darf man sich in seinem Beruf vervollkommnen, aber es gilt: "Das Liegenlassen von Abfällen und Auf-den-Boden-Spucken ist bei Strafe des Gesetzes verboten." (41) Durch das Ausüben einer geregelten Tätigkeit und die Internalisierung sozialer Rituale und Interaktionen erwirbt der Boxer einen sozialen Status, der ihn gesellschaftlich von den Straßenkämpfern des Ghettos abhebt. Die Frage, warum sich Boxer den unsäglichen Mühen des Trainings und dem Zwang zur Askese unterwerfen, findet hier ihre Antwort. Wäre es nur der oft beschworene Weg aus dem Ghetto, der sich für die meisten ohnehin als vergeblich erweist, das Streben nach Erfolg, das in jedem Kampf durch einen Lucky Punch mit einem Schlag zunichte gemacht werden kann, lohnte sich der Aufwand nicht. Jack Dempseys berühmtes Diktum "Wenn du kämpfst, kämpfst du nur für eines: für Geld" (42) bedient eher das gerne geglaubte Bild von der unsentimentalen Disposition des Boxers. Vielmehr vermitteln das Training und die damit verbundene Freude an der Arbeit eine Befriedigung in sich selbst, eine durchaus lustvolle und libidinöse Besetzung des eigenen Körpers, mit dem sich der Pugilist als conditio sine qua non identifiziert. Entscheidend aber ist, daß der Faustkämpfer durch das reglementierte und verhältnismäßig "geborgene" und überschaubare Leben im Gym Respekt, Anerkennung und Zuneigung unter seinesgleichen findet, wenn er in die exklusive Gemeinschaft der Fighter aufgenommen wird. Der Disziplinierungsparcours des Gym führt letztendlich dazu, daß das Boxen als sinnvolle Arbeit wahrgenommen wird und der Performanz eines soziablen Lebens dient.



Lucky Punch - Zwischen Sieg und Niederlage
"Boxen ist faszinierend, weil die Entscheidung über Sieg und Niederlage bis zum letzten Gong offen bleibt. Ein Zehnkämpfer, der nach neun Disziplinen mit zweihundert Punkten in Führung liegt, trabt beim abschließenden 1500-Meter-Lauf locker dem Sieg entgegen. Ein Boxer hingegen, der seinen Gegner zwölf Runden lang in die Ecke treibt und nach Punkten haushoch führt, kann noch in der letzten Minute von einem Lucky Punch getroffen werden und im Ringstaub enden." (43) In der Tat liegen Sieg und Niederlage in keinem anderen Sport so eng zusammen wie beim Boxen; hier kann ein kleiner Fehler, eine minimale Konzentrationsschwäche nicht nur einen überlegen geführten Kampf, sondern auch eine zeitintensive, entbehrungsreiche Vorbereitung mit einem Schlag zunichte machen. Arlene Schulman beschreibt diese genuine Qualität des Boxens folgendermaßen: "Sie bereiten sich auf einen Kampf vor, der einen, vielleicht drei Monate in der Zukunft liegt, und dann sehen sie, wie ihre Arbeit innerhalb eines kurzen luminösen Moments von Erfolg gekrönt wird oder zerfällt." (44) Die Besonderheit liegt dabei im Überraschenden, Plötzlichen und Zufälligen, in der abrupten zeitlichen Verdichtung, die alles vorher Geschehene gegenstandslos werden läßt und über die Wirkmächtigkeit eines Knockout, der für alle Beteiligten vorherzusehen war, weithinausgeht.

Für den, der auf diese Art und Weise verliert, ist die Niederlage meistens katastrophal, da sie als eigenes Verschulden interpretiert wird. Nicht siegen können, obwohl man der bessere Kämpfer ist, unterminiert nicht nur das Selbstbewußtsein im Ring, sondern auch die Sinnhaftigkeit der harten und mühevollen Trainingszeit, die sich nicht ausgezahlt hat. "Niemand verliert gerne. Als ich gegen Joe Frazier verlor, wollte ich gewinnen, und ich heulte und heulte und heulte. Ich wollte ihn schlagen, aber als ich es versuchte - na ja" - er warf die Hände in die Höhe -, "es reicht schon ein einziger Fehler". (45)

Die Möglichkeit des entscheidenden Schlags entgegen aller Vorhersagen verleiht dem Ringgeschehen eine eigene Dramaturgie, die das Moment der Peripetie, des plötzlichen Glückswechsels, anders als im klassischen Drama jederzeit Gestalt annehmen lassen kann. (46) Das Glück des Lucky Punch tangiert damit auch die Sphäre des Schicksalhaften, die Gunst der Umstände im Sinne der griechischen eutychia. "The one-punch miracle" betitelte Ron Borges seinen Kommentar zu dem wohl prominentesten Lucky Punch der neunziger Jahre, dem K.o.-Sieg von George Foreman über Michael Moorer. Foreman war 45 Jahre alt und hatte seit 17 Monaten nicht mehr geboxt, während der junge und schlagstarke Moorer seinen Weltmeisterschaftstitel zum ersten Mal verteidigte, eindeutig als Favorit galt und den Kampf bis zur zehnten Runde beherrschte. Dann traf Foremans schwere Rechte, und der Kampf war vorbei. "Er ging ruhig in eine Ecke, kniete nieder und blickte zum Himmel auf. Mit Sicherheit hatte niemand sonst eine Erklärung dafür." (47)

Zu den Aspekten des Unerklärlichen und Wunderbaren gesellt sich in Bernd Eilerts Erzählung Die Boxkampfbeichte (48) das Moment des Magischen hinzu. Hier wird ein Taschentuch, das mit dem Blut des Weltmeisters Malcolm Gath getränkt ist - der Protagonist der Handlung, ein junger Geistlicher, hatte ihm die Drehtür des Hotels vor die Nase geschlagen -, zum Fetisch. Zum Fetisch für den hoffnungslos unterlegenen Herausforderer David Hierrò, der die Bekanntschaft des Geistlichen sucht. "Haben Sie eigentlich Ihr Tuch noch? [...] Oja, ich möchte gern sein Blut sehen. Wenigstens einmal!" Die blutende Nase des Champs wird für Hierrò zum Omen, vielleicht doch für eine Überraschung sorgen zu können. Wenig später versucht die Schwester des Herausforderers, in den Besitz des Taschentuchs zu kommen: "Sie wollten nur das Tuch." "Welches Tuch?" "Das Tuch mit dem Blut." "Wozu denn?" "Als Talisman, was weiß ich, Übertragungsmagie oder so was..." Während des Kampfes läuft alles wie vorhergesehen. Gath beherrscht Hierrò, demütigt ihn sogar, doch als er in der zehnten Runde den K.o. sucht, geschieht das Wunder. "Hierrò sprang Gath einfach an. Er war jetzt Rocky. Er schlug wirbelnde Schwinger, wilde Haken, sogar scharfe Geraden". Der Weltmeister geht zu Boden und wird ausgezählt, während der Geistliche mit dem blutigen Tuch in den gefalteten Händen für den Sieg des Außenseiters betet.
Der Lucky Punch fungiert als deus ex machina, als letzte Hilfe für denjenigen, der ohnehin unterlegen ist. Damit ist er sowohl legitim als auch sentimental aufgeladen, denn den Sieg wünscht man gewöhnlich dem Underdog, der an eine Chance glaubt, die er eigentlich gar nicht hat. Der Underdog ist oft der alte Boxer, siehe George Foreman, denn wie ein weiteres Gebot aus dem Katechismus des Boxens lautet: "Das Letzte, was ein Boxer verliert, ist sein Punch." Ein alter Boxer ist auch King Solaman in William F. Noians Story Begegnung mit dem King. (49) Solaman, ein ehemaliger Weltklasseboxer, "tingelt" durch die amerikanische Provinz, wo er auf seinen jungen Gegner Dancer Webb trifft, der ihn nach allen Regeln der Kunst vorführt, aber nicht ohne Respekt vor dem großen Namen agiert. Trotzdem wird er zum Ende des Kampfes hin immer nachlässiger, provoziert sogar die Gefahr, um dann von einer Linken Solamans niedergestreckt und anschließend ausgezählt zu werden. Webbs Sekundant tröstet ihn: "Das war nur ein Lucky Punch. Mensch, du hast ihn doch so gut wie gehabt, Junge. [... ] Er hat einfach nur wahnsinniges Glück gehabt." (50) Das Glück, das der ältere und schwächere Boxer braucht, das ihm gewünscht wird und ihm als Wendung des Schicksals gleichermaßen zusteht.
Ein weiterer wichtiger Aspekt im vorliegenden Zusammenhang ist die klassische Antithese von Boxer und Puncher, zwischen dem Kämpfer, der seine stilistischen und technischen Fähigkeiten im Ring demonstriert, und dem, der aufseine Härte und Schlagkraft vertraut. Diese verschiedenen Prinzipien, die sich in der Art und Weise des Boxens, im Stil der einzelnen Kämpfer offenbaren, bestimmen die Dialektik des Faustkampfes: "der schnelle, technisch versierte Boxer gegen den kunstlosen Schläger". (51)

In der Eingangssequenz von Ralph Ellisons Roman Invisible Man wird diese pugilistische Antithese paradigmatisch vorgeführt: „Einmal habe ich einen Preisboxer gegen einen Tölpel [yokel] kämpfen sehen. Der Kämpfer war flink und erstaunlich versiert. Sein Körper war ein einziger Fluß schneller rhythmischer Aktion. Er schlug den Tölpel hunderte Male, während dieser in benommener Überraschung nur die Arme hochhielt. Doch plötzlich landete der unter dem Ansturm der Boxhandschuhe schwankende Tölpel einen Treffer und haute Können, Schnelligkeit und Fußarbeit um, so daß der andere kalt wurde wie der Hintern eines Brunnengräbers. Der todsichere Tip knallte auf den Boden. Der Außenseiter hatte es geschafft. Der Tölpel hatte einfach nur das Zeitgefühl seines Gegners durcheinandergebracht." (52) Ellison benutzt an dieser Stelle die Bezeichnung yokel als Inbegriff des weißen, unbeholfenen, kunstlosen Boxers, der auf seine Nehmerfähigkeiten und sein Glück vertraut, den entscheidenden Schlag landen zu können. Diese Eigenschaften versetzen den yokel in die Lage, den "Boxer" trotz evidenter Unterlegenheit zu besiegen, wie es Rocky Marciano gegen Archie Moore oder Ingemar Johansson gegen Floyd Patterson vorgeführt haben: "In ihren Kämpfen gegen schwarze Gegner wurde von diesen Fightern nicht direkt erwartet, daß sie mit List oder Können gewinnen. Man erwartete von ihnen, so zu gewinnen, wie es einst Willard gegen Johnson getan hatte:
Schläge einstecken und dann den entscheidenden Treffer landen." (53) Der Lucky Punch ist hier seiner bloßen Zufälligkeit enthoben, er wird vielmehr als boxerisches Kalkül kultiviert, um einen technisch überlegenen Gegner zu besiegen. (54) Der Lucky Punch ist nicht mehr der letzte Ausweg eines unterlegenen Boxers, doch noch den Sieg zu erringen, sondern ein in langer Vorbereitung eingeübter und antrainierter taktischer Schachzug, der für den Boxer, der sich auf ihn verläßt, kein Überraschungsmoment darstellt, sondern vielmehr die logische Konsequenz eines Boxstils ist, der auf Schlagkraft und Leidensfähigkeit beruht und letztlich zum Ziel hat, der überlegenen Technik des Gegners seinen überlegenen Mut und seine Willenskraft aufzuzwingen und ihn dadurch zu zermürben. Hier löst sich die Spannung zwischen Training, Erwartungshaltung und dem Geschehen im Ring ganz anders als bei dem Boxer, der sich selbst und die Zuschauer durch einen wirklichen Glückstreffer überrascht.



Anmerkungen

(1) Bernhard Hieber: Der Faustkampf in der griechisch-römischen Antike. In: Ders., Amateurboxen in der Bundesrepublik Deutschland - Historische Entwicklung und aktuelle Probleme aus ethischer Sicht, Tübingen 1989, 44ff., hier45.
(2) Jeffrey T. Sammons: Beyond the ring: The role of boxing in American society, Urbana/Chicago 1988, xi.
(3) John Welshman: Boxing and the historians. In: The International Journal of the History of Sport 14/1 (April 1997), 195ff.,hier 195.
(4) Hier sind insbesondere die Studien von Gerald Early (u.a.: The culture of bruising. Essays on prizefighting, literature and modern American culture, Hopewell, N.J. 1994) und des französischen Soziologen Loic Wacquant zu nennen. Die überwiegende Anzahl seiner Publikationen zum Boxen ist in englischer Sprache erschienen. Besonders erwähnenswert ist die Tatsache, daß Wacquant mehrere Jahre in einen amerikanischen Gym trainiert hat und dabei den Kampf mit den Fäusten nicht nur akademisch, sondern am eigenen Leib praktiziert hat.
(5) Zu nennen sind hier in Auswahl Birk Meinhardt: Boxen in Deutschland, Hamburg 1996; Michael Kohtes: Boxen - Eine Faustschrift, Frankfurt a.M. 1999; Knud Kohr/ Martin Krauß: Kampftage - Die Geschichte des deutschen Berufsboxens, Göttingen 2000. Siehe auch die Dissertationen von Karin Rase: Kunst und Sport - Der Boxsport als Spiegelbild gesellschaftlicher Verhältnisse unter besonderer Berücksichtigung Englands als Mutterland des Sports; Manfred Luckas: "So lange du stehen kannst, wirst du kämpfen" - Boxen in der Literatur der Moderne, Köln: Arcum-Verlag 2001, i.E.
(6) Loic J.D. Wacquant: The social loglc ofboxing in block Chicago: Toward a sociology of pugilism. In: Sociology of Sport Journal 9 (1992), 221 ff., hier 222.
(7) Siehe hierzu auch die ersten beiden deutschen Anthologien zum Thema: Harte Bandagen. Eine Box-Anthologie in 12 Runden, hg. von Günther Berg und Uwe Wittstock, München 1997; Ring frei Ein Lesebuch vom Boxen, hg. von Manfred Luckas, Stuttgart 1997.
(8) Wolf Wondratschek: Menschen Orte Fäuste. Reportagen und Stories, Zürich 1987.
(9) Djuna Barnes: Interviews, hg. von Alyce Barry, Los Angeles 1985.
(10) Djuna Barnes: Jess Willard sagt, die Mädchen wurden das Boxen demnächst als Brotberuf betreiben (1915) und Dempsey begrüßt die Freundinnen des Boxsports (1921). In: Dies., Portraits, hg. von Alyce Barry, aus dem Amerikanischen von Karin Kersten, Frankfurt a.M. 1994,88ff. bzw. 169ff.
(11) So z.B. in Julio Cortázars Erzählung Der Abend mit Mantequilla. In: Dcrs., Passatwinde. Erzählungen, Frankfurt a.M. 1987, 142ff. Der argentinische Autor läßt seine Geschichte vor dem Hintergrund des Kampfes um die Weltmeisterschaft im Mittelgewicht zwischen Carlos Monzon und Jose Napoles am 9.2.1974 in Paris ablaufen.
(12) Hemingway wird im Kontext der Boxliteratur immer wieder erwähnt und gleichzeitig überschätzt. Seine literarischen Arbeiten zum Stierkampf sind weitaus gelungener als diejenigen zum Faustkampf, gleichwohl muß er genannt werden. Eine seiner wichtigen Kurzgeschichten zum Boxen ist Der Kämpfer. In: Ders., In unserer Zeit. 15 Stories (1925), Hamburg 1990, 36ff.
(13) Budd Schulberg hat einen der wichtigsten boxkritischen Romane des Genres verfaßt: The harder they fall, New York 1947.
(14) Paul Laven: Fair Play- Die schönsten Geschichten vom Sport, Frankfurt a.M. 1958, 23.
(15) Die Bezeichnung des Boxens als „Sweet Science of Bruising", als „süße Kunst des Verletzens", geht auf den englischen Boxhistoriker Pierce Egan zurück und ist dessen Buch Boxiana. Or sketches of ancient and modern pugilism, London 1812, entnommen.
(16) Norman Mailer: The fight, New York 1975, 11.
(17) Peter Heller: In this corner...! Fortly World Champions tell their stories, London 1985, 69.
(18) Bubi Scholz: Der Weg aus dem Nichts, Frankfurt a.M. 1980,20f.
(19) Zumindest der bis dato einzige deutsche Weltmeister im Schwergewicht; und diese Tatsache wiegt, manche Boxexperten werden in diesem Punkt widersprechen, schwerer als die Erfolge eines Henry Maske oder Dariusz Michalczewski, die nur Champions einzelner Weltverbände waren bzw. sind.
(20) Max Schmeling: Erinnerungen, Frankfurt a.M./Berlin/ Wien 1977, 36f.
(21) Als ein paradigmatischer 'Text ist in diesem Zusammenhang der Roman The circle home von Ted Hoagland (New York 1960) anzusehen, der die psychischen Begleiterscheinungen und die Verfassung der Boxer während des Trainings minutiös dokumentiert.
(22) Robert Lowry: Tag, Fremder. Aus dem Amerikanischen von Carl Weissner, Hamburg 1996, 20ff. Die Originalausgabe erschien schon 1953 in New York unter dem Titel The violent wedding.
(23) Klaus Theweleit: Männerphantasien. Bd. 2: Männerkörper - Zur Psychoanalyse des weißen Terrors, Frankfurt a.M. 1977, 171. Theweleit richtet seine Analyse auf den Charakter des militärischen Drills, der dem Training des Boxers wesensverwandt ist. Zur Einübung in das Aushalten von Schmerzen siehe auch das Boxer-Credo: „Man lernt, Schläge zu nehmen, indem man Schläge nimmt."
(24) Der Kampfname des ehemaligen Weltmeisters im Mittelgewicht, Tony Zale, lautete „Mann aus Stahl".
(25) Das Seil gehört zum Boxer wie der Handschuh. Eine typische Mythensequenz der Boxhistorie ist der seilspringende Sonny Liston, der dies bevorzugt zwanzig Minuten lang ohne Pause zu Oscar Petersons Komposition Night Train praktizierte.
(26) Die entscheidende Leistung bei dieser Art des Trainingswettkampfes besteht in der Balance zwischen Kooperation und Kompetition, die es erlaubt, daß alle von dem Geschehen im Ring profitieren, ohne größeren Schaden zu nehmen. Sparring ist, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann, eine Form sozialer Interaktion, die die Fähigkeit zur gegenseitigen Absprache und zum Einhalten dieser Absprache erfordert. Gerade hier zeigt sich ein Aspekt, der die vielzitierte Einsamkeit des Boxers relativiert. Man sparrt nicht nur gegeneinander, sondern auch miteinander!
(27) Neuere Erkenntnisse legen die Vermutung nahe, daß unsachgemäßes und zu schnelles Reduzieren von Gewicht vor einem Kampf als eine Hauptursache für schwere Hirnverletzungen und Todesfälle im Ring verantwortlich ist.
Vor allem das Entwässern anhand von Medikamenten führt zu einer Verminderung der Flüssigkeit, die das Gehirn umgibt, und macht es so empfindlicher gegenüber Kopftreffern. Von medizinischer Seite wurde diese These schon 1984 von Peter W. Lampert und John M. Hardman in ihrem Aufsatz Morphological changes in the brains of boxers; (JAMA 251,25.5.1984,2676ff.) vertreten. Einen informativen Abriß der Diskussion um die Genese von Kopfverletzungen bei Boxern liefert zudem Robert Cassidy: Injuries in boxing. Part III: The scariest words in boxing - Subdural hematoma. In: The Ring (Winter 1994), 25 ff. und 72f.
(28) Loic Wacquant kommt bei der Untersuchung der vorliegenden Thematik zu ähnlichen Ergebnissen, die er in seinem Aufsatz Sacrifice (in: Body Language, hg. von Gerald Early, Saint Paul 1998, 47ff.) festgehalten hat. Er spricht von einer „heiligen Dreifaltigkeit" (48) oder auch vom „Katechismus des Preisboxers" (52), der aus folgenden drei Geboten besteht: Diät, soziale Askese und sexuelle Enthaltsamkeit.
(29) Gerald Early: Ringworld. In: Ders., Tuxedo Junction:
Essays on American culture, New York 1989, 156. „Fucking makes a fighter weak" entspricht fast wörtlich der Aussage von Rockys Trainer Mickey in der deutschen Synchronisation des Films Rocky von John G. Avildsen (USA 1976): „Bumsen macht die Beine schwach." Diese Aussage ist ebenso einprägsam wie eine Szene aus dem Film Raging Bull von Martin Scorsese (USA 1980). Jake LaMotta wird dabei nach dem Training von seiner Frau Vicky sexuell erregt. Die Aussicht auf den bevorstehenden Kampf veranlaßt ihn aber, sich Eiswürfel über seine Erektion zu schütten. Das Thema Boxen und Virilität kann an dieser Stelle nur angedeutet werden und bedarf einer gesonderten Untersuchung.
(30) Joyce Carol Oates: Über Boxen. Aus dem Amerikanischen von Ursula Locke-Groß, Zürich 1988, 32f.
(31) Der frühe Cassius Clay/Muhammad Ali war aufgrund seiner pugilistischen Kunstfertigkeit, die der Mühen und des Leidens zu entbehren schien, lange Zeit Gegenstand dieser tendenziösen Betrachtungsweise. Ein interessanter Beleg dazu findet sich auch in den Erinnerungen von Max Schmeling: „Cassius Clay ist gewiß ein überragender Boxer. Aber das Spielerische und Tänzerische seines Stils hat nichts mit dem bedingungslosen Ernst jener Kämpfe zu tun, von denen ich berichten werde. In seiner Person ist aus den Ringschlachten von einst das Boxen zum ästhetischen Erlebnis geworden." (24f.)
(32) Kelly ist der boxende Protagonist in Ted Hoaglands schon zu Beginn erwähntem Roman The circle home (New York 1960, hier 18).
(33) Die Gefahr, gerade in diesem Punkt Stereotypen und Klischees zum Opfer zu fallen, ist groß, nicht zuletzt deshalb, weil sich besonders das schwarze Ghetto für Weiße oft als geistloser Hort des Exotismus darstellt, der von Hip Hop-Musik beschallt wird und wo man nur mit seinem Körper kommuniziert.
(34) Ted Hoagland: The circle home, 17.
(35) Als untersuchenswertes Phänomen drängt sich an dieser Stelle die Parallele zur Remythisierung des Arbeitsbegriffes in der New Economy auf. Gerade hier wird durch die Vermittlung spezifischer Motivationen und Corporate Identity-Ideologien ein Bild von Geschlossenheit und familiärer Sozialromantik vermittelt, die natürlich ausschließlich an den Leistungsbegriff gekoppelt bleibt: „We are familiy"!
(36) Der Mythos des Underdog, des „hungrigen" Fighters, der aus dem Nichts kommt, seine bloßen Hände zur Faust ballt und sich nach oben boxt, ist wohl der populärste und am weitesten verbreitete im Kontext des Boxens. Boxen als Mittel des sozialen Aufstiegs in Verbindung mit der Metapher vom Lebenskampf tangiert auch die an dieser Stelle erörterte Problematik, sollte aber als eigenes Thema gesondert behandelt werden.
(37) Elliott J. Gorn: The manly art - The lives and times of the great bare-knuckle champions, Ithaca, Cornell University 1986,137.
(38) Elisabeth Büttner und Christian Dewald: The Sweet Science - Boxer im Film. In: Viennale 1992 - Internationale Filmfestwochen Wien, hg. vom Österreichischen Filmmuseuin, Wien 1992, 216ff., hier 219.
(39) A. J. Liebling: The University of Eight Avenue. In: A neutral corner. Boxing essays by A. J. Liebling, hg. von James Barbour und Fred Warner, New York 1990, 16ff., hier 16, 17.
(40) Elliott Gorn: The manly art, 129.
(41) Budd Schulberg: Stillmann´s Gym. In: Ders., Sparring with Hemingway and other legends of the fight game, Chicago 1995, 64.
(42) Joyce Carol Gates: Über Boxen, 39.
(43) Knud Kohr und Martin Krauß: Kampftage, 13.
(44) Arlene Schulmann: The prizefighters. An intimate look at champions and contenders, London 1995, 15.
(45) Ebd., 96.
(46) Siehe die Begegnung zwischen Julio Cesar Chavez und Meldrick Taylor am 17. März 1990. Taylor dominierte, obwohl er schwere Treffer hatte hinnehmen müssen, den Kampf, um in der letzten Runde nach einer Schlagkombination durch Abbruch zu verlieren. Zu diesem Zeitpunkt fehlten ihm zum Sieg noch drei Sekunden. Nach diesem Kampf fand Meldrick Taylor nie mehr zu seiner alten Form zurück, während Chavez zum erfolgreichsten mexikanischen Boxer aller Zeiten avancierte.
(47) Ron Borges: The one-punch miracle. In: The Ring (March 1995), 26. So geschehen in der zehnten Runde am 5. November 1994 im MGM Grand Garden.
(48) Bernd Eilert: Die Boxkampfbeichte. In: Ders.: Windige Passagen. Vier Erzählungen, Zürich 1991, 165ff, das folgende: 171,184, 203.
(49) William F. Nolan: Begegnung mit dem King. In: TKO. Box-Stories, hg. von Martin Greenberg und Graciano Rocchigiani, Berlin 1996, 143ff.
(50) Ebd., 161.
(51) Gerald Early: The black intellectual und the sport of prizefighting. In: Ders., The culture of bruising, 5.
(52) Ralph Ellison: Invisible man, New York 1947, 8.
(53) Gerald Early: The black intellectual, 12.
(54) Wie Early ausführt, ist das technische Boxen eher ein Merkmal des schwarzen Boxers, während der kämpferische Stil eher für den weißen Boxer typisch ist. Dies ist sicher eine Vereinfachung, die viele Gegenbeispiele zuließe, generell aber eine zutreffende Beobachtung. Es handelt sich hier also nicht mehr nur um bloße stilistische Unterschiede, sondern um eine Schnittstelle von ethnischen- und Männlichkeitsdiskursen


© 2001,  Dr. Manfred Luckas

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© 2000,  Jens Gatzenmeier

 Stand: Oktober 2007