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     Adolf Baumgarten

Adolf Baumgarten - Foto: HABV


Zeitschrift BOXRING

Alte Boxgeschichten immer interessant - und wissenswert
aus: Boxring Nr. 5 vom 06. März 1956

Baumgarten - zuverlässig und zielstrebig

Nicht etwa wie ein Komet, nicht etwa meteorhaft ging der "Stern" Adolf Baumgarten am Boxfirmament auf! Nein, lange und hart mußte er an sich arbeiten, ehe er sportliche Lorbeeren errang.

Bereits als 13jähriger machte sich der Junge aus der Elbestadt Hamburg - dem Tor zur Welt - am Sandsack zu schaffen. Dabei war er aber noch außergewöhnlich klein, ja, sogar schmächtig. Schuld daran war die Ernährungslage, unter, der mit Ausnahme der Schieber die gesamte Stadtbevölkerung zu leiden hatte. Blaue, dünn-wässerige Milch in kleinsten Tagesrationen war die Speise für die Säuglinge. Brot mit Sägemehl, Kartoffeln beigemengt - und Kohlrüben; Kohlrüben morgens, mittags, abends waren der Hauptbestandteil aller Mahlzeiten für die Erwachsenen. Zu dieser Zeit also, am 3. Mai 1915, hatte Adolf Baumgarten das Licht der: Welt erblickt. Als dann die Schulzeit kam, lernte der Arbeiterjunge ganz ordentlich. Als man bei ihm aber nach besonderen Fähigkeiten zu forschen begann, fanden weder Eltern noch Lehrer irgendeine besondere Begabung. Im Sportverein allerdings hatte man bald heraus, daß "Addi", so nannten ihn seine Freunde, nicht der Schwächling war, für den er sich gab, und dem Boxtraining frönte, um Muskulatur, Geist und Auge zu stärken.

Er hatte Ehrgeiz
"Ich hatte sportlichen Ehrgeiz, ich wollte ein Kämpfer, ein guter, möglichst berühmter Boxer werden", das erzählte uns "Addi" später, als wir uns mit ihm auf einer Sportreise nach Mailand befanden. "Der richtige Junge kennt zwei Sportarten", sagte er, "Fußball und Boxen. Als Zehnjähriger fing ich an, die Lederkugel zu treten, und drei Jahre später ließ ich die Fäuste fliegen. Es war und ist das Verdienst meiner Eltern, daß ich auf ihrer Seite großes Verständnis fand. Im Gegensatz zu vielen meiner Sportfreunde, deren Eltern gar nichts vom Boxen ihrer Herren Söhne wissen wollten. Sogar meine Mutter nahm in jeder Hinsicht Anteil an meiner Entwicklung im Boxsport."

Doch der Weg ist steil
Bis 1932 hatte "Addi" als Schüler, Jugendlicher und Junior 28 Kämpfe im Fliegen- und Bantamgewicht bestritten, davon sechs verloren und acht unentschieden gestaltet. Trotz "Addis" tatsächlich riesigen Trainingsfleißes war der Weg zum Gipfel, den er gehen mußte, sehr beschwerlich. Nur harte und intensive Arbeit brachte ihn dorthin. Ein Paar Boxschuhe kostete zwar nur 7,50 Mark, aber für einen Schiffszimmermannslehrling waren zehn Pfennig schon viel Geld, und alle Sportler mußten sich ihre Sportsachen selber beschaffen. Die Vereine hatten nicht die Mittel, ihnen irgend etwas zur Verfügung zu stellen. Unter diesen Voraussetzungen also begann seine Laufbahn.

Sieg über Hans Kästner
Wir schrieben das Jahr 1934, Baumgarten war inzwischen Schiffszimmermannsgeselle geworden und stand mit 146 Pfund nun schon gut in den Schuhen! Aus dem schwächlichen Jüngelchen war zur Freude aller ein ganz schöner "Brocken" geworden. Und in seinem fünfzigsten Kampf hatte "Addi" unseren noch heute fleißigen Funktionär Hans Kästner besiegt; Siege über Utsch (Magdeburg) und Saunus (Staßfurt) folgten. (Da erfahrungsgemäß unsere Leser mit großer Aufmerksamkeit diese Aufzeichnungen verfolgen, sei noch hinzugefügt: Im Revanchekampf Utsch-Baumgarten gab es ein Unentschieden. D. Red.).

1935: Nur drei Niederlagen
Nur dreimal, nämlich gegen Murach (Schalke), Hornemann (Berlin) und Blum (Altona) mußte sich Baumgarten 1935 geschlagen bekennen. Von den Unterlegenen seien genannt: Parbinski (Polen), Held (Stuttgart), Rust (Bremerhaven), Machenberger (Wiesbaden), Köhler (Leipzig), Weichert (Riesa), Kindler (Freital), Koß (Danzig) und Fritz Schellin (Berlin). Aber erst im folgenden Jahr gelang der große Wurf.

Deutscher Meister und Olympia-Teilnehmer
Nach acht harten Jahren, in denen "Addis" Trainer Hans 'Wichmann, seine Mutter und der Vater sehr oft um ihn gebangt und sich mit ihm über seine Siege gefreut hatten, war es ihm dann doch gelungen, den höchsten deutschen Titel im Mittelgewicht zu erringen. Aber trotz dessen Besitz war es noch nicht sicher, ob er auch an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin teilnehmen durfte. Bis zum letzten Augenblick wurden die Olympiakandidaten zusammengehalten und in Wünsdorf einem intensiven Schlußtraining unterzogen. Bis zu dem Augenblick, wo sie in das olympische Dorf einzogen, waren unsere Kämpfer über die Aufstellung der Mannschaft im unklaren. Bekanntlich war eine Schlußstaffel von 16 Mann (zweimal acht Gewichtsklassen) aufgestellt worden, und jeder dieser Kämpfer hatte das Können, die deutschen Farben beim olympischen Boxturnier – das mit 200 Nennungen ein wahres 'Mammutturnier war - zu vertreten.

Wer waren nun die Glücklichen?
In der Reihenfolge vom Fliegen- bis Schwergewicht hießen die Auserwählten Kaiser (Gladbeck), Stasch (Kassel), Miner (Breslau), Schmedes (Dortmund), Murach (Schalke), Baumgarten und Vogt (Hamburg) sowie Runge (Elberfeld). Und die anderen, deren Mühe nicht belohnt wurde? Sie hatten ihr Bestes gegeben. Toben oder still resignieren? Was hilfts? Die Realität war doch: Nur ein Vertreter in jeder Gewichtsklasse konnte zu dem umfangreichen Turnier gemeldet werden und damit aus und Schluß. Alle weiteren Diskussionen waren überflüssig.

Zitieren wir, was der anerkannte Experte, unser Kollege E. Th., dazu meinte: "Die mit ihnen (Olympiakämpfern) fast auf gleicher Stufe stehen, müssen zusehen. Aber es herrscht Sportgeist unter unseren Boxern. Keiner ist auf den anderen neidisch. Im Gegenteil, jeder wünscht dem Freund, der unsere Farben im Ring vertreten wird, "Hals- und Beinbruch". Die Nichtauserwählten werden gerade diejenigen sein, die am meisten den Daumen für ihre Sportfreunde halten. Denn wenn einer von diesen bis ins Finale kommen sollte, ist damit ebenso klar bewiesen, daß die Jungen, die hinter den Besten stehen, ebenfalls Weltklasseformat erreicht haben."

(Wie aus den vielen Zuschriften, die wir erhielten, hervorgeht, möchten unsere Leser mehr über die früheren olympischen Turniere, Europameisterschaften, und Länderkämpfe wissen. Wir setzen daher die Erzählung über "Addi" Baumgarten in der nächsten Ausgabe fort. Sie lesen also in der Nummer 6: "Baumgartens sportlicher Höhepunkt und sein tragisches Ende.")


Adolf Baumgarten


Alte Boxgeschichten immer interessant - und wissenswert:
Baumgarten spricht, wie er schlägt!
aus: Boxring Nr. 6 vom 20. März 1956

Wir begannen in unserer vorigen Ausgabe Ausschnitte aus dem Leben des unvergeßlichen deutschen Mittelgewichtlers Addi Baumgarten abzudrucken. Der nachfolgende Beitrag schildert Addis sportlichen Höhepunkt und sein tragisches Ende.

"Geduld bringt Rosen", ein Ausspruch des sonst nicht gerade redseligen Addi Baumgarten, als 1936 dem Hamburger Schiffszimmermann in Dortmund zum ersten Mal die Schärpe eines Deutschen Mittelgewichtsmeisters um die Hüften gewunden wurde. Es fehlte ein knapper Monat an seinem 21. Geburtstag, und seine Freunde hatten voller Begeisterung gejauchzt und mit Genugtuung konstatiert - , nun Addi, hast du es doch nach acht Jahren Anstrengung endlich geschafft! – Weil wie wir alle wissen, es außerdem im Jahr der olympischen Spiele geschah, sahen manche seiner Anhängerschaft Addi, den stämmigen, ruhigen, zielbewußten Jungen, auch bereits auf dem olympischen Siegerpodest stehen.

In der Dortmunder Westfalenhalle hatte es die schönsten Kämpfe dieser Meisterschaft gegeben, so lauteten einstimmig die Pressenotizen. Und weiter hieß es: Die Kämpfe um den höchsten Titel waren eine fürchterliche Zerreißprobe. Geradezu unwahrscheinliche Anforderungen wurden in bezug auf Nervenkraft, Ausdauer und sogar physische Mehrbelastung an alle Teilnehmer gestellt.

Unmögliches fordern, um Mögliches zu erreichen
Das war etwa die Devise! Man hatte innerhalb von sechs Tagen in zwölf deutschen Städten die Vor- und Zwischenrunden, das Semifinale und die Endkämpfe abgewickelt. Zum Beispiel: Die erste Serie, Fliegen-, Feder-, Welter- und Halbschwergewicht kämpfte in Bielefeld, Hamm und Münster, während die zweite Serie mit Bantam-, Leicht-, Mittel- und Schwergewicht in Duisburg, Gelsenkirchen und Hagen startete (für unsere jüngeren Sportfreunde: Nur acht Gewichtsklassen, Halbwelter- und Halbmittelgewicht, so wie sie heute vernünftigerweise aufgeteilt sind, gab es seinerzeit noch nicht. D. Red.). Die Domstadt Köln erlebte am Nachmittag die erste und am Abend die zweite Vorschlußrunde, und schließlich, wie schon eingangs erwähnt, wurden die Titelkämpfe im Dortmund entschieden. Dadurch konnte man weder den Gegner beobachten noch Freunden zur Seite stehen. Kein Turnier, weder das olympische noch die Europameisterschaften verlangte von den Teilnehmern tägliche Eisenbahnfahrten und täglichen Quartierwechsel. (So ist dieser einmalige Meisterschafts-Austragungsmodus von der Presse und den Verbandsfunktionären als Karussell- oder Zirkus-Meisterschaft bezeichnet worden und 'schließlich unter diesem Titel in die Boxgeschichte eingegangen.)

Osterzensur
Selbstverständlich war unter diesen Umständen das Vollbrachte umso höher einzuschätzen, und so gab es denn von dem damaligen Sportwart Arthur Gerstmann die Osterzensur, in der unter anderem zu lesen war:
"Besonders bei den Hamburgern kann man feststellen, daß sich tatsächlich innerhalb der Benneckensteiner Lehrgänge nicht nur die Kämpfer, sondern auch die Trainer glänzend entwickelt haben, und daß die Arbeit auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Wenn auch nur Baumgarten die drei Lehrgänge in Benneckenstein absolvierte und sich während dieser Zeit von etwa dem sechsten oder siebenten auf den ersten Platz der Rangliste vorgearbeitet hat, so ist auch der andere Hamburger Meister Graaf indirekt ein Zögling der Benneckensteiner Schule."

Endlich die Spitze erreicht
Über die Leistungen in den einzelnen Gewichtsklassen heißt es dann:
"Hier muß vorweg die boxerisch gute Leistung des Mittelgewichtsmeisters Baumgarten erwähnt werden, der in allen Kämpfen ein gleichbleibendes solides Können zeigte und stets einwandfrei gewann. Ein besonderes Lob verdient Baumgarten für sein vorbildliches und faires Kämpfen."

Nun hatte er sich zur Spitzenklasse durchgekämpft und wurde in der Öffentlichkeit als Olympionike bezeichnet. Aber E. Th. und der Chronist schrieben von dem Nachwuchsmann Adolf Baumgarten, daß er erst in den folgenden Jahren völlig heranreifen und dann von sich reden machen würde. Übrigens entwickelte sich Baumgarten zum reinen Zweckmäßigkeitsboxer. Den ökonomischen Boxstil des 1,75 m großen Hamburgers drückte sein oben erwähnter Landsmann sehr treffend folgendermaßen aus: "Baumgarten spricht, wie er schlägt!"
Dieser Mann hatte insofern recht, als man mit dem Wort "ja" häufig genausoviel sagen kann, wie mit einer ganzen Reihe von leeren, überflüssigen Redensarten. Auch seine peinlich genauen Schläge wurden nur dann gestartet, wenn 99 Prozent Aussicht vorhanden war, daß sie ihr Ziel erreichen.

Adolf Baumgarten im Kampf mit dem Italiener Granelli

Goldmedaillen im Fliegen- und Schwergewicht
Die Olympischen Spiele hatten Deutschland einen prächtigen Erfolg gebracht. Und ausgerechnet in den beiden äußersten Gewichtsklassen, Fliegen- und Schwergewicht, wurden Kaiser und Runge die goldenen Medaillen ausgehändigt und der schlichte Lorbeerkranz um die Stirnen gelegt. Im damaligen Fachorgan stand unter anderem zu lesen:
"Die Sieger werden gefeiert. Mit Recht. Aber vergessen wir in diesem Augenblick nicht diejenigen, die ausscheiden, ehe sie den Gipfel erreichten."

Dazu zählte auch Addi. In unseren Aufzeichnungen steht, daß er den Schweizer Flury am Rande des K.o. hatte und turmhoch nach Punkten gewann. Dann schlug er den kolossal starken Totti (Italien), indem er entgegen seiner sonstigen Art gleich mit vollem Feuerwerk eröffnete und die erste Runde groß gewann. Aber Tottis Kampfmoral hatte noch keinen Knacks bekommen, außerdem konnte der feurige Italiener eine ganze Menge, nahm jeden Schlagabtausch an und antwortete wuchtig, zumal der Deutsche unverständlicherweise seine linke Gerade nicht einsetzte. Dann kam Baumgartens berühmte dritte Runde, die Linke war voll da. Auch gegen die darauffolgenden Uppercuts wußte sich der Italiener nicht zu schützen und da Baumgarten zu allem Überfluß noch sehr genau schlug und Druck dahintersetzte, war Totti zum Schluß arg mitgenommen. Addi war besser als in seinem ersten Kampf, aber er hatte immer noch nicht seine Bestform erreicht.

Tiller gab ihm das Nachsehen
Am Mittwoch, dem 13. August bestritt unser Addi gegen Tiller (Norwegen) den letzten Mittelgewichtskampf, dann standen die vier Verschlußrundengegner fest. Baumgarten schied aus, denn der ausgezeichnete Norweger gab ihm das Nachsehen. Der Hamburger wurde von einem Mann geschlagen, der zwar gut war, der aber für einen Baumgarten in Höchstform keine Gefahr gewesen wäre.

Schon vor dem Kampf bangten wir um Addi eben weil er sein Leistungshoch in diesem Turnier nicht zu erreichen vermochte. Wahrscheinlich kam diese große Aufgabe für Addi ein, zwei Jahre zu früh. "Mein großes Ziel ist es, im Jahre 1940 an den Olympischen Spielen teilzunehmen, dann bin ich 25 Jahre alt, da muß es rollen!" waren seine Worte und auch sein fester Wille.
Es kam jedoch nicht dazu. Bevor Baumgarten im Zenith seiner Sportlaufbahn stand, wurde er gezwungen, die Zimmermannsaxt mit der Pionieraxt zu vertauschen. Zunächst konnte er allerdings hoch von Zeit zu Zeit die acht Unzen überstreifen. Zweifellos spricht- das für seine Qualitäten, da er unter den völlig veränderten Bedingungen noch zwei Jahre lang seinen Titel erfolgreich verteidigen konnte. 1941 wurde Baumgarten Meister im Hof Schwergewicht und bekam noch einige Male Urlaub von der Front, um an repräsentativen Kämpfen teilzunehmen. Der nicht genügend trainierte Hamburger unterlag dem Schweden Noreen, weil dessen Linke viel zu schnell kam, also ein unüberwindbares Hindernis war. So kletterte er dann nach über 250 Kämpfen als Verlierer aus dem Ring und ahnte sicherlich nicht, daß es sein letzter Kampf gewesen war. Am 2. Oktober 1942 begruben ihn seine Freunde an der Straße nach Witebsk.

Wenn der Chronist von Zeit zu Zelt im Schatz der Erinnerungen kramt, um Könner von einst wieder ins Rampenlicht der Aktualität zu stellen, dann darum, um der Jugend Beispiele vor Augen zu führen, aus denen sie nutzbringende Lehren ziehen kann. Addi als tapferer und zielstrebiger Kämpfer mit umfassendem, aber schwer erarbeitetem Können war ein derartiges Vorbild.

Wichtiger Hinweis:
Trotz umfangreicher Ermittlungen war es mir leider nicht möglich, den Verfasser, Herrn Fenelon Thieme, ausfindig zu machen.
Einer Empfehlung der Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) zufolge, bitte ich den Verfasser oder den nach dem Urheberrechtsgesetz rechtmäßigen Rechtsnachfolger um eine Kontaktaufnahme mit mir.

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© 2000,  Jens Gatzenmeier

 Stand: Oktober 2007