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     Anfänge und Entwicklung des Faustkampfes in Hamburg
Abschrift aus: Deutsches Box-Jahrbuch 1924. Herausgegeben vom Deutschen Reichsverband für Amateur-Boxen e.V., Berlin (Seiten 76 - 80):

Anfänge und Entwicklung des Faustkampfes in Hamburg
von Paul Stephan, Hamburg

Wenn wir heute zurückblicken auf die Zeit der ersten mühseligen Faustkampfversuche in Deutschland und mit dem schnellen Aufschwung der kurzen Nachkriegszeit vergleichen, so kann man sich einer Verwunderung kaum erwehren. Obgleich die ersten Versuche des Faustkampfes in Deutschland von Hamburg ausgingen, so sind doch die Erfolge vor dem Kriege recht bescheiden geblieben. Gern jedoch gedenke ich der Zeit, wo wir die ersten Übungen machten, oder wenn uns hin und wieder ein seefahrender Klubkollege den Sport von "drüben" zeigte und uns die Anfangsgründe beibrachte. Von einem Stil oder einer bestimmten Regel wußten wir jedoch nichts. Ja, ein besonders oft angewandter Schlag war bei einer Drehung des Gegners, der in den Nacken. Auch das Übungsmaterial war recht primitiv. Außer Handschuhen besaßen wir nur einen Punching-Ball. Weder Ring noch sonstiges Trainingsgerät war vorhanden. Und doch haben wir uns nach allen Regeln der Kunst verbolzt, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre. Alle Schläge wurden vornehmlich gegen den Kopf gerichtet, während der Körper meist frei war.

Ein Ereignis war es damals in der Sportwelt, als der erste Faustkampfwettbewerb neben Heben und Ringen vom Athleten-Klub "Löwe" am 9. Juli 1899 ausgeschrieben und durchgeführt wurde. Die Kämpfer - es waren vier Paare - wurden ebenso wie in anderen Sportarten in Leicht-, Mittel- und Schwergewicht eingeteilt, und in Ermangelung eines Ringes wurden die Kämpfe auf einer Gartenwiese ausgetragen. Als Sieger über alle Klassen ging ein vielseitiger Sportsmann, mit Namen Nitze hervor, welcher seine Fähigkeiten in England erworben hatte und sich seiner Gegner in überlegener Weise entledigte.

Diese ersten und frühesten Amateurversuche, welche jedoch beim Publikum, wie auch bei den meisten ausübenden Sportsleuten wenig Anhänger fanden, blieben lange Jahre ohne Nachahmung. Als zu und nach Carl Abs Zeiten der Professional-Ringkampf durch geldtüchtige Sportsleute an Ansehen und Zugkraft verloren hatte, wurden hin und wieder Faustkämpfe von Ringern veranstaltet, welche aber meist von der Polizei verboten wurden. Ein damals sehr bekannter Faustkämpfer war der Neger Jack Lewis, welcher mit jedem, der sich ihm stellte, boxte. Da er aber unsere ungeübten Leute immer schwer zudeckte, wollte sich zu weiteren Kämpfen niemand mehr finden.

Die bekannten Lokal-Matadore Niemann, Krogmann u. a., welche sonst ihren Mann standen, hatten von der Boxerei meist mit einigen Malen genug. Um aber doch wieder einmal einen Boxkampf als Reklame-Nummer neben Ringkämpfen vorzuführen, war zwischen Jack Lewis und Hein Winzer bei "Metscher" ein Schaukampf vereinbart. Als nun Winzer trotz Scheinkampfes dem Neger versehentlich einige harte Schläge landete, war es mit dem Spaß zu Ende. Ein mächtiger Kinnhaken des Schwarzen setzte Winzer die Kinnlade aus und die Ärzte sollen allerhand zu tun gehabt haben, das Kauwerkzeug wieder in Ordnung zu bringen.

Aus Vorstehendem ersehen wir, wie es im Anfang mit dem Faustkampf bei uns bestellt war und es dauerte lange Zeit, ehe dann, wenige Jahre vor dem Kriege, der Boxkampf wieder aufgenommen wurde. Als Bahnbrecher sind in Hamburg die Sportvereine "Rollon", "Sporting Man" und "Alarich Condor" zu nennen, aus welchen die bekannten Faustkämpfer wie Otto Flint, die Gebrüder Beißwanger, Felix Friedemann und andere hervorgegangen sind.

Während des Krieges ruhte dann, wie jede sportliche Tätigkeit, auch das Boxen. Dann kam die neue Zeit, mit ihr viele Sportskameraden aus englischen Gefangenenlägern, wo sie ihre Zeit ausgenutzt hatten, das Boxen zu erlernen. In vielen Athletiksport- und Turnvereinen wurde das Boxen aufgenommen, neue nur Boxsport treibende Klubs und Vereine entstanden. Es fehlte nicht mehr an fachlichen Lehrkräften; auch die Behörden stellten sich nicht mehr auf den veralteten, ablehnenden Standpunkt. Wenn früher in Restaurationsräumen geübt werden mußte, stehen uns jetzt hohe, luftige Turnhallen und Sportplätze zur Verfügung. Jeder Verein sieht seinen Stolz darin, vielseitiges und gutes Übungsmaterial zu besitzen. In kurzer Zeit entstand eine boxsportliche Tätigkeit, die nicht nur aus anderen Sportszweigen Zulauf und Unterstützung erhielt, sondern auch das große, sportliebende Publikum begünstigte und unterstützte den jungen, aufwärtsstrebenden Boxsport bei allen sich bietenden Gelegenheiten.

Und als im Dezember 1921 der "Hamburger Amateur-Boxverband" ins Leben gerufen wurde, glaubte wohl niemand, welch ungeahnten Aufschwung der Boxsport unter der zähen, zielbewußten jungen Organisation erleben sollte. Die Trainings- und technischen Angelegenheiten sind in geregelte Bahnen geleitet und strenge, sportliche Grundsätze aufgebaut. Einen besonderen Raum in der rastlosen Tätigkeit des Verbandes nimmt die Erziehung der Jugend und ihre sportliche Anleitung ein. Unsere Jugend vor Verlotterung zu bewahren, durch sportliche Betätigung abzulenken und geistig sowie körperlich stark zu machen, seinen Mitgliedern Gelegenheit zu geben, in luftigen, gesunden Räumen unter Leitung fach- und sportgemäßer Lehrkräfte zu üben, um die edle Kunst der Selbstverteidigung, den eigentlichen Zweck des Boxens, in allen seinen Teilen folgerichtig zu erlernen, das sind die Ziele des Verbandes.

Einen Wendepunkt, Fortschritt und Markstein in der jungen Geschichte des Boxens bildete die Austragung der dritten Deutschen Amateur-Box-Meisterschaften am 25. und 26. Juni 1921 in Hamburg. Durch Aufklärung und Konferenzen mit der Presse und den Behörden war es unserem unermüdlichen Reichsverbandsführer, Herrn L. Mandlar, gelungen, für unseren Sport Interesse zu wecken und Entgegenkommen und Zugeständnisse zu erlangen. Seitdem ist der Zulauf und das Interesse des Publikums bei Veranstaltungen immer reger geworden, die Mitgliederzahl der einzelnen Vereine hat sich vervielfacht und die Zeit dürfte nicht allzu weit sein, wo auch bei denjenigen das Vorurteil schwindet, denen der wahre veredelnde Wert, die richtige Art des Boxsportes noch nicht Allgemein-Auffassung ist, die unseren Bestrebungen noch fernstehen. Dann wird wie das Turnen, Athletik und Fußball auch das Boxen Volkssport werden und den Platz in der Erziehung und Volksgesundung einnehmen, der ihm gebührt.


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© 2000,  Jens Gatzenmeier

 Stand: Oktober 2007