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     Entwickelung des modernen Boxsportes in Deutschland und seine Organisation
Abschrift aus: Deutsches Box-Jahrbuch 1924. Herausgegeben vom Deutschen Reichsverband für Amateur-Boxen e.V., Berlin (Seiten 76 - 80):

Entwickelung des modernen Boxsportes in Deutschland und seine Organisation
von Leonhard Mandlar, Berlin.

Der Boxsport an sich und besonders der Amateur-Boxsport, von welchem ich hier reden will, hat in Deutschland einen ungeahnten Aufschwung genommen. Ich will in kurzen Zügen ein kleines Bild der Entwicklung des modernen Boxsports in Deutschland geben und bezeichne den heutigen Boxsport als "modern" deshalb, weil der antike Faustkampfsport der Griechen und Römer mit ganz anderen Mitteln und in ziemlich roher Form betrieben wurde. Den letzteren zu behandeln, würde den Zweck des Aufsatzes verfehlen. Bemerken möchte ich, daß auch die alten Germanen bereits den Faustkampf gepflegt haben, jedoch nicht in der rohen Form wie die Römer. Wie der moderne Boxsport, also der Faustkampf mit gepolsterten Handschuhen, und durch wen er eigentlich nach Deutschland gekommen ist, läßt sich nicht beweisen. Verschiedene von früher her bekannte Boxlehrer behaupten von sich, persönlich denselben in Deutschland eingeführt zu haben, jedoch wird dieses Recht kein einziger von ihnen für sich allein in Anspruch nehmen können. Tatsächlich dürften die deutschen Seeleute, die viel in der Welt herumkamen und dadurch besonders mit englischen und amerikanischen Seeleuten zusammen trafen, von diesen in die Kunst des Boxens eingeweiht worden sein und dieselbe mit nach Deutschland gebracht haben. Die Tatsache ist dafür bestärkend, daß man zuerst den Boxsport in den Hafenstädten Deutschlands ausübte und von hier aus weiter verbreitete. Es soll ja ohne weiteres zugegeben werden, daß auch sonst noch Deutsche, die sich längere Zeit in England oder Amerika aufhielten, dort selbst genügend Gelegenheit hatten, den Boxsport gründlich kennen zu lernen und bei ihrer Rückkehr den Gedanken faßten, in Deutschland diesen schönen Sport einzuführen und dann auch in die Tat umsetzten.

Nicht uninteressant ist es, zu wissen, daß sich bereits in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die bekannten Turnlehrer und Schriftsteller Kappel und Happel durch Schriften und praktische Versuche bemühten, das Boxen in ihren Wirkungskreisen als Ergänzung des Turnens zu verwerten. Versuche, das Boxen vor Zuschauern öffentlich vorzuführen, wurden schon in den achtziger Jahren in Hamburg, ein Dezennium später in Berlin und Köln gemacht.

Die ersten eigentlichen Kämpfe, von denen man in Deutschland reden kann, datieren um das Jahr 1909, jedoch, ist der genaue Zeitpunkt nicht anzugeben, da der Boxsport in den verschiedenen Städten bei den damals bestehenden polizeilichen Beschränkungen im Verborgenen blühte. Einzelnen persönlichen Vorkämpfern für den Boxsport, wie Joe Edwards, Jack Slim, Püllmann usw. kann man eine Anerkennung nicht versagen, obwohl sie aus der Einführung materiellen Nutzen zogen. Der größte Dank für die Verbreitung des Sports gebührt aber denjenigen, die damals in der kritischen Zeit der große Strafe androhenden polizeilichen Verbote es trotzdem wagten, nicht nur Vereine, sondern auch Verbände zu bilden und ferner ehrenamtlich als Lehrer und Trainer in den Vereinen fungierten.

Einer der ersten Vereinslehrer in Berlin war der damals vorzügliche Kenntnisse aufweisende Edmund Hansen, Dänemark. Die ersten Boxsport treibenden Vereine der damaligen Zeit dürften gewesen sein in Hamburg: Hamburger Boxing-Klub (Verein für Herrenboxsport), Eimsbütteler Turn-Verband, Hohenfelder Sport-Klub; in Köln: Sport-Klub "Colonia", Turn-Verein 1843; in Düsseldorf: A. C. 86; in Berlin: Amateur-Box-Klub, S.C. "Heros" 1903, "Astoria", Berliner Box-Klub, Deutscher Box-Klub, Berliner Sport-Klub, Sport-Klub Alt-Wedding; in Stettin: Stettiner Sport-Klub.

Nachdem sich durch Gründung neuer Vereine die Notwendigkeit erwiesen hatte, eine oberste Behörde und damit einheitliche Regeln festzusetzen, gründete man 1912 den Deutschen Box-Verband mit dem Sitz in Hamburg und schuf einheitliche Regeln und Gewichtsklassen. Der damalige Vorsitzende Gustav H. Heß, welcher als Gründer des Verbandes zu betrachten ist, hat sich durch diese anerkennenswerte Arbeit ein unvergängliches Verdienst erworben. Aber auch Namen wie Wesemüller-Hamburg, G. 0. Seeve - Berlin, Nosbisch und Krah-Köln verdienen festgehalten zu werden.


Der künstliche Ringer Amsterdam, 1674 gestochen von dem Holländer Romeyn deHooghe.

Der künstliche Ringer Amsterdam, 1674 gestochen von dem Holländer Romeyn deHooghe.


Der Deutsche Box-Verband brachte zuerst im Jahre 1912 im Hamburger Curio-Haus die ersten Deutschen Meisterschaften zum Austrag, zu denen 29 Teilnehmer gemeldet hatten. Unter diesen befand sich auch der bestens bekannte Berliner Gepäckmärschler Emmerich Rath, der jetzt als Professionalboxer tätige Helmut Kapitzke und der als Amateur rege gebliebene Paul Hauschke-Stettin, Nordostdeutscher Meister im Fliegengewicht 1921. Die ersten deutschen Meister nach der damaligen Gewichtseinteilung waren:

Mindergewicht (bis 105 Pfd.) Paul Hauschke-Stettin,
Federgewicht (bis 115 Pfd.) 0. Jörn-Hamburg,
Sondergewicht (bis 125 Pfd.) Helmut Kapitzke-Berlin,
Leichtgewicht (bis 135 Pfd.) Joh. Schmidtke-Hamburg,
Zwischengewicht (bis 145 Pfd.) Gustav H. Heß-Hamburg,
Mittelgewicht bis 158 Pfd.) Fr. Sorge-Hamburg,
Halbschwergewicht (bis 168 Pfd.) A. W. Turner-Hamburg,
Schwergewicht (über 168 Pfd.) wurde 1912 nicht ausgekämpft.

Bald bildete sich dann auch in Westdeutschland der damalige Westdeutsche Box-Verband mit seinem Sitz in Köln. Derselbe wurde Unterverband des D. B.V. und trug Westdeutsche Meisterschaften aus.

In Berlin bestand nur ein loses Gebilde der Vereine unter Leitung von G. 0. Seeve, das sich aber zu einem Box-Verband auswachsen wollte. Den Bemühungen des Deutschen Box-Verbandes ist es dann gelungen, beim Internationalen Olympischen Komitee, das 1914 seine Jubiläumstagung in Paris hatte, die Aufnahme des Boxsportes in das Standardprogramm der Olympischen Spiele durchzusetzen und dadurch beim Deutschen Reichsausschuß für Olympische Spiele (jetzt D.R.A.f.L.) in das Programm der für 1916 in Berlin geplanten Olympiade aufzunehmen. Gleichfalls hatte der D.B.V. seine Aufnahme in den Deutschen Reichsausschuß für Olympische Spiele nachgesucht, und derselbe wäre seinerzeit erfolgt, wenn nicht plötzlich der Weltkrieg ausgebrochen wäre.

Der D.B.V. hat damals schon umfassende Maßnahmen ergriffen für die Vorbereitung der Deutschen Olympia-Box-Kämpfer. Leider ist diese Arbeit umsonst gewesen. Der Krieg, welcher sämtliche Führer der damals bestehenden Organisationen zu den Waffen rief, legte hierdurch und weiter durch seine lange Dauer alles in Trümmer. Aber dessen ungeachtet blieb der Geist der Idee wach. Auch während des Krieges wurde in einzelnen Vereinen geboxt, d. h. natürlich hinter verschlossenen Türen. Durch die Ereignisse im Jahre 1918, durch die so vieles, das früher als hoch und heilig galt, plötzlich aufgehoben wurde, fiel auch das polizeiliche Verbot für die öffentliche Aufführung von Box- und Ringwettkämpfen und eine neue Ära brach für den Amateur- und damit auch für den Berufs-Box- und Ringsport an. Sogleich nach Rückkehr der alten Sportgenossen aus dem Felde regte es sich wieder in allen Vereinen, die alten Handschuhe wurden hervorgeholt, Sandsack und sonstige Trainingsgeräte selbst auf billige Art und Weise hergestellt und mit einem intensiven Training und großer Agitation begonnen. Durch die Möglichkeit, öffentliche Kämpfe auszutragen, war man ja auch imstande, der großen Masse der Bevölkerung, zunächst einmal in den großen Städten, den Boxsport vor Augen zu führen und neue Anhänger für denselben zu gewinnen.


Der Boxkampf zwischen dem englischen Weltmeister Tom Cribb und dem amerikanischen Neger Tom Moulineaux (1811).

Der Boxkampf zwischen dem englischen Weltmeister Tom Cribb und dem amerikanischen Neger Tom Moulineaux (1811).


Die erste öffentliche Veranstaltung in Berlin fand anläßlich des Hallen-Sportfestes des Verbandes Berliner Athletik-Vereine im Februar 1919 statt. Es folgten hier und da kleinere und größere Amateur-, sowie Berufs-Veranstaltungen. Allmählich ergab sich die Notwendigkeit, der ganzen Sache einen festeren Rahmen und auch Halt zu geben. Man wollte wenigstens zunächst für Berlin ein einheitliches Zusammenarbeiten ermöglichen, und der Sportklub "Heros 03" erließ zu diesem Zweck durch sein Mitglied Hans Bötticher in der "B.Z. am Mittag" im Mai 1919 eine Einladung zu einem Zusammenschluß der Boxsport treibenden Vereine in einem Verband. Es fanden sich nur 4 Vereine, und zwar außer dem S.C. Heros 03 noch S.V.Astoria, B.S.C. und Boxing Klub 1913, bereit, gemeinschaftlich zusammen zu arbeiten, und diese gründeten, nachdem in zwei weiteren öffentlich angekündigten Versammlungen kein besseres Resultat erzielt wurde, auf meinen Antrag hin den Berliner Box-Verband.

Ich faßte damals schon den Plan, eine Reichsorganisation ins Leben zu rufen und erließ dann auch noch im November 1919 in der Presse einen öffentlichen Aufruf zur Gründung eines Reichsverbandes für Boxen. Der mehrmals wiederholte Aufruf veranlaßte vorerst einen kleinen, später aber sehr umfangreich werdenden Briefwechsel, der dann nach Jahresfrist zur Gründung des "Deutschen Reichsverbandes für Amateur-Boxen" führte.

Während dieses Zeitraumes ist aber fleißig gearbeitet worden. Der Berliner Verband, welcher beständig wuchs, veranstaltete im Dezember 1919 einen Übungsleiterkursus und im Februar bis März 1920 die ersten Berliner Meisterschaften. Er schaffte einheitliche Regeln und ein bestimmtes System der Punktwertung; diese waren die ersten Grundlagen der heute bestehenden, aber inzwischen wesentlich vervollkommneten Wettkampfbestimmungen und des Wertungssystems.

Mit der Entwickelung des Boxens ergab sich auch die Notwendigkeit einer die Interessen dieses schönen Sportes vertretenden Spezialzeitschrift. Im November 1919 erschien die erste Nummer des "Faustkampf", dem Vorgänger des heutigen „Boxsport". Erich Mindt hatte dieses erste Wagnis unternommen und sich als Mitarbeiter Artur Bülow auserkoren, der jetzt noch als Redakteur des "Boxsport" wirkt. Dieser erste Versuch ging leider aus finanziellen Gründen zu Wasser.

Als nächster Verband bildete sich auf Veranlassung des in Düsseldorf wohnenden Berliners A. Handtke der Westdeutsche Amateur-Box-Verband. Die Vorbereitung für die Gründung des Reichsverbandes schritt immer weiter vorwärts und, nachdem ich den Berliner Box-Verbands-Vorstand für die Gründung so stark interessiert hatte, daß er sich bereit erklärte, die Unkosten für die Vorbereitung zu tragen, konnte endlich die Einberufung des ersten Boxsport-Kongresses zum 5. Dezember 1920 erfolgen. Um der Gründung einen würdevollen Rahmen zu geben, vor allen Dingen um einen Überblick über den Stand des deutschen Boxsports zu haben und recht viel Auswärtige nach Berlin zu bekommen, entschloß man sich zur Ausschreibung der deutschen Meisterschaften.

Zu diesem Zweck wurden an alle großen deutschen Sport- und Turnvereine Ausschreibungen und Einladungen versandt mit der Aufforderung, in den einzelnen Landesbezirken Ausscheidungskämpfe vorzunehmen und die Sieger, sowie Delegierte nach Berlin zu entsenden. Der Erfolg war denn auch ein großer; 42 Auswärtige aus allen Teilen des Reiches meldeten zu den Meisterschaften, die für drei Tage angesetzt waren, und eine noch viel größere Zahl Delegierter erschien aus allen Teilen des Reiches, um am Kongreß teilzunehmen. Der Kongreß am 5. Dezember 1920 beschloß dann die Gründung des Deutschen Reichsverbandes für Amateur-Boxen, legte seine Satzungen und Wettkampfbestimmungen fest, nahm die Einteilung der Landesverbände vor und wählte folgenden Vorstand:

1. Vorsitzender: Leonhard Mandlar - Berlin,
2. Vorsitzender: Alfred Handtke - Düsseldorf,
Stellvertretender Vorsitzender: W. Matz-Stettin,
Schriftführer: Walter Schmidt-Berlin,
Schatzmeister : Erwin Mohrholz - Berlin,
Sportwart: Hans Bötticher - Berlin, 0. Tilgner - Torgau,
Beisitzer: Iwan Blumenthal - Lübeck und 0. Stolle - Dessau.

Als Sitz wurde Berlin festgelegt und 11 Landesverbände bestimmt. Aus diesen 11 Landesverbänden sind allerdings durch Zusammenlegung mit der Zeit 8 geworden. Die Landesverbände, die Anfang des Jahres 1921 noch kleine Anfänge mit kleinem Mitgliederbestande waren, haben sich mit der Zeit zu selbständigen Organisationen mit eigenem Vorstand und einem ziemlichen Mitgliederbestand herangebildet, sie waren teilweise sogar gezwungen, sich noch in Gaue bzw. Bezirke einzuteilen und für diese besondere Vorstände wählen zu lassen. Die Veranstaltungen in ganz Deutschland nahmen nun natürlich enorm zu, und in einem noch höheren Maße stiegen die Mitglieder- und die Zuschauerzahlen. Daß sich das technische Können der Amateure durch die vielen Kämpfe, eifriges Training und intensives Ausbilden durch geeignete Trainer und Übungswarte sprungartig erhöhte und uns so weit brachte, daß wir heute in der Lage sind, uns, wie die jüngsten internationalen Kämpfe in Deutschland beweisen, den ausländischen Amateuren, wenn nicht ganz, so doch ziemlich ebenbürtig an die Seite zu stellen, ist die natürliche Folge und ein Maßstab für unsere Arbeit.


Der berühmte Kampf zwischen dem englischen Weltmeister Tom Sayers und dem Amerikaner Jack Heeman am 17. April 1860 in Farnborough, England.

Der berühmte Kampf zwischen dem englischen Weltmeister Tom Sayers und dem Amerikaner Jack Heeman am 17. April 1860 in Farnborough, England.


Die Deutschen Meisterschaften in den Jahren 1921 in Hamburg, 1922 in Köln und 1923 in Würzburg zeigten von Jahr zu Jahr Fortschritte in Technik und Organisation. Jedesmal war es möglich, die Entwickelung des technischen Könnens in den einzelnen Landesverbänden festzustellen, gegeneinander abzuwägen. Die Deutschen Meisterschaften trugen wesentlich dazu bei, den Leitern und den Kämpfern neue Fingerzeige zu geben und so als gute Lehre für die weitere Fortbildung zu dienen. Der D.R.f.A.B. ist heute die maßgebende Boxsport-Behörde für das gesamte Gebiet des unbesetzten und besetzten Deutschlands und umfaßt zur Stunde etwa 300 Vereine mit 25 000 Mitgliedern. Er hat bereits Regeln für Jugendliche geschaffen, hat das internationale Rundensystem und ein gerechtes und einwandfreies Punktsystem eingeführt, veranlaßt durch seine Landesverbände die Abhaltung von Übungsleiter- und Kampfrichter-Ausbildungskursen, und wird in diesem Jahre einen mehrwöchigen Lehrgang für Vereines- und Verbandsübungsleiter in Berlin abhalten. Er hat die großen Pokalkämpfe zwischen seinen Landesverbänden angesetzt, wodurch es möglich ist, gegenseitig das Können zu fördern und eine allgemeine gleichmäßige Technik und Taktik in Deutschland einzuführen. Seine eigene Berliner Geschäftsstelle vermittelt den Verkehr mit den Unterverbänden, den Behörden und der Presse.

Alle Grundlagen für die Einführung des Boxsports als Volkssport sind nunmehr geschaffen; lange wird es sicherlich nicht mehr dauern, und der Boxsport hält in dieser Beziehung mit allen anderen deutschen Leibesübungen die Wage.


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© 2000,  Jens Gatzenmeier

 Stand: Oktober 2007