Nun wenn schon! (Jahrgangsband 1931/32)
Brunnen-Verlag / Karl Winckler / Berlin, 1932
Glosse 8 vom 22. Oktober 1931
Länderboxkampf Amerika-Deutschland - Masse Mensch - Der Nigger - Vom Gassenhauer zum Schlager
Ganz ohne "Helden" können auch die Heutigen nicht leben. Da sucht man sie halt auf der Flimmerleinewand oder im Boxring.
Der Sport jeglicher Art nimmt heute in den Zeitungen beinahe schon mehr Spalten in Anspruch als die Politik und findet auch im Publikum von Tag zu Tag mehr - ja, was denn, Ausübende? - ach nein, sachverständige Zuschauer. Man kann in den Berliner Sportpalast in der Potsdamer Straße fast 10 000 Leute hineinpfropfen, wenn wirklich jedes Plätzchen ausgenutzt wird. Aber ihrer 15 000 wollten am vorigen Montag hinein, um den Länderkampf im Boxen der Amateure zwischen Amerika und Deutschland mit zu erleben. Von der Kreuzung Bülowstraße an ein tosendes Meer. Schon 60, 40, 20 Meter vor dem Sportpalast drei Schutzmannsketten, die nur noch Inhaber von Eintrittskarten durchschleusen. Sonst wäre es am Eingang nicht ohne gefährliche Quetschungen abgegangen.
Der Ring - das durch Seile abgesperrte viereckige Kampfpodium in der Mitte des Riesensaales - liegt im kalkweißen, stechenden Licht der Jupiterlampen. Ringsum in qualmender Nacht - kein Kämpfer kann auch nur ein Gesicht unterscheiden - die wogende Masse Mensch.
Da im Ring steht man wohl wie vor dem Jüngsten Gericht.
Zehntausend Ankläger im Dunkel. Ein Murren, ein Grollen, ein Scharren, ein Klatschen erzwingt den Anfang. Zehntausend Menschen, die dafür bezahlt haben, wollen Dein Blut sehen. Was, Du zitterst? Sie werden Dich zerreißen! Zehntausend Ankläger belauern jede Miene.
Nach der amerikanischen Manier in Stepschritt tänzelnd, die Hände hoch über dem Kopf erhoben und verschlungen, kommen die amerikanischen Gladiatoren herein. Die Artisten. Gemessen, in militärischem Gleichschritt, ohne Armgejubel und nachher nur mit linkischer Verbeugung, nahen die Deutschen. Die Kämpfer.
Vorstellung durch Lautsprecher. Die beiden Nationalhymnen. Aufnahmen für die Bilderblätter.
Man hat es hier schon erlebt, daß die Galerie die Marseillaise bejubelte, das Deutschlandlied auspfiff. Inzwischen hat man etwas Benehmen gelernt. Einmütig rauscht alles bei den Nationalhymnen von den Sitzen empor und steht barhaupt. Das Publikum ist nicht etwa "besser" geworden. Mehr denn je ist es eine Menge von kurzstirnigen Spießern, die ihre blutigen Urinstinkte abreagieren wollen, Männer der Faust vielleicht mehr in der Theorie als in der Praxis. In den Krieg würden sie sich freiwillig nicht melden, allenfalls hinter Barrikaden Aufstellung nehmen, wenn sie dort die kommende Mehrheit vermuten. Und sicherlich dabei sein, wenn ein Einzelgänger zerfleischt wird. Wir dürfen uns darüber nicht täuschen: neun Zehntel der Besucher treibt nicht Sportbegeisterung her, sondern die - vielleicht unbewußte - Grausamkeit, die auch bei Stierkämpfen oder bei Hahnenkämpfen eine volle Arena macht. Die Masse Mensch ist unerbittlich. Einen schlechten und unterliegenden Gladiator, einen unsicheren Ringrichter kann sie niederhöhnen, niederdröhnen, daß er überhaupt die Welt nicht mehr versteht.
Scheu duckt sich in dieser Menge der Intellektuelle oder der nur Erkenntnishungrige, denn ihm erscheint sie als das Unvolk. Das ist dieselbe Menge, die es durch ihre Gesetzemacher durchdrückt, daß die Schlägermensur mit Gefängnis geahndet, das viel lebensgefährlichere Boxen aber verherrlicht wird. Ich habe nichts gegen diesen, nicht gegen jenen Sport, auch nichts gegen das halsbrecherische reine Artistentum im Zirkus, nur bin ich für gleichmäßige gesetzliche Behandlung. Man sollte diese Zehntausend auch ruhig einmal eine Mensur sehen lassen; vielleicht änderten sie dann ihre Meinung. Es sind fast durchweg Männer, fast durchweg aus dem arbeitenden Stande, wie verloren sieht man nur hier und da, eine auf hundert, eine Frau, ein Mädchen, eine Dame, während noch vor einigen Jahren das weibliche Geschlecht bei Boxkämpfen viel stärker vertreten war. Da sah man den Nervenrausch, das Züngeln, die lustvoll aufgerissenen Augen.
Bei den Kämpfen der Berufsboxer geht es härter zu. Von Breitensträter, Samson-Körner, Schmeling und den anderen sind wir 15 Runden zu je 3 Minuten gewöhnt, hier sind es bei den 8 amerikanisch-deutschen Paaren nur je 3 Runden, außerdem sind es hier wohlgepolsterte 8-Unzen-Handschuhe, während die Professionals mit Handschuhen von nur 4 Unzen boxen.
Die Aussicht auf knockout, auf Niederschlag, die Aussicht darauf, daß ein Zermürbter, blutig Gehauener im 4. oder 6. oder 14. Gang nach einem Kinnhaken besinnungslos zusammenbricht und länger als zehn Sekunden wie ein gefällter Stier daliegt, "ausgezählt" wird, ist hier viel geringer. Der Sieg wird nach Punkten bewertet, also die bessere Technik oder das stärkere Draufgängertum gekrönt. Ganz herrlich in dieser Beziehung das Treffen im Bantamgewicht, wo der Münchener Ziglarski mit dem Newyorker Beloise sich mißt, beide blitzschnell wie ein Wirbelwind um einander her und beide doch wuchtig, bis der Amerikaner, der bisher von 76 öffentlichen Kämpfen nur einen verlor, als der Besiegte erklärt wird, herrlich in seiner Art auch das Treffen im Schwergewicht, wo der Kölner Kurth, in seiner Figur eher ein feister Ringer als ein Boxer, durch die Schnelligkeit und furchtbare Härte seiner Schläge überrascht und den Uniontowner Cravotte schon in der ersten Runde so "groggy" macht, daß dieser taumelnd immer wieder zu Boden muß und der Ringrichter den völlig Benommenen und nunmehr Kampfunfähigen als erledigt erklärt.
Trotzdem pfeift die Galerie. Der deutsche Sieg - mit 10:6 gewinnen die Deutschen den ganzen Länderkampf - ist ihr nichts. "Gerechtigkeit muß sein!" Und der Amerikaner sei technisch besser gewesen. Der Deutsche "nur" stärker.
Die Galerie hat überhaupt ihre eigene Meinung und ihre eigene - Sentimentalität. In der amerikanischen Mannschaft befindet sich auch ein Neger, der erst siebzehnjährige Hough aus Newyork, mit für einen farbigen bemerkenswert gut modellierten Beinmuskeln. Er ficht gut und er ficht nicht mit verzerrtem, sondern ganz unbeweglichem Gesicht. Er hat es schwer, denn von den weißen Amerika-Kameraden wird er sozusagen ausgefroren. "Der Nigger stinkt", sagen sie. Aber die deutsche Galerie, die marxgetreu für die Gleichheit alles dessen eintritt, was Menschenantlitz trägt, überschüttet ihn mit tosendem Beifall. Uns wird es ein bißchen übel dabei. Man ist nun einmal nicht voraussetzungslos.
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Glosse 41 vom 23. Juni 1932
Dreidimensionaler Sport - Nächtlicher Rundfunk - Schmeling-Sharkey - Mordsport in Berliner Straßen
Der Sport kostet den Zeitungen viel Papier, denn er ist heute sehr vielseitig geworden, sozusagen dreidimensional. Zu der Bewegung auf der Fläche - zu Lande oder zu Wasser - ist nämlich noch die in der Luft hinzugekommen. Und schon auf der Fläche gibt es hunderterlei Neues, was wir, als wir noch Kinder waren, nicht kannten. Wer wußte etwas von Fußball oder Boxen oder Skilauf? Als Junge fuhr ich Hochrad, mit dem man manchmal vornüber kippte, schwamm selbstverständlich stundenlang, ruderte schon im richtigen Rennboot und hatte außerdem zweimal wöchentlich Säbelfechten.
Das war, glaube ich, alles.
Heute aber betreibt beispielsweise unser Jüngster sicherlich dutzenderlei Sport und besitzt außerdem die Führerscheine für sämtliche Motorfahrzeuge zu Lande, zu Wasser, zu Luft. Leiht sich zum vorigen Sonntag einen Udet-Flamingo und kommt zu Besuch einfach hergeflogen. Nein, so etwas haben wir, als wir noch Buben waren, wirklich nicht geahnt. Und als ich im späten Mannesalter selber fliegen lernte, da war das doch kein Sport, sondern Waffenhandwerk, und daneben träumte man davon, daß es einmal eine Verkehrsfliegerei geben könne. Aber daß jemand seine Ferien am liebsten immer hoch in der Luft verbringt und dort im Besitze des Kunstflugscheins mit seiner Maschine vergnügt Purzelbäume schlägt, das hätte man mal vor dreißig Jahren Tante Malchen erzählen sollen!
Segler, Faustballer, Autofahrer, Tennisspieler, Läufer, Poloreiter und die sonstigen Sportler in neunundneunzig anderen Arten suchen in der Zeitung nach "ihrer" Rubrik. Und sie alle, und dazu das nichtsportliche Volk der Nichtsalszuschauer, warten nicht erst auf das Morgenblatt, sondern stellen den Rundfunk an, wenn auf irgend einem Gebiet es etwa um die Weltmeisterschaft geht.
Ein übernächtiges Berlin hat so den Mittwoch früh herangewacht.
Der König der deutschen Faustkämpfer, "unser" Maxe Schmeling, unser Berliner Maxe, schlägt in Newyork oder wird geschlagen, während fünf Erdteile horchen. Wir Mitteleuropäer von 3 bis gegen 5 Uhr. Da hat man es in Bombay bequemer, dort ist schon Frühstückszeit, während Berlin noch Nacht und Newyork erst Abend hat. Wir bei uns zu Hause hatten nicht die Absicht, bei nachtschlafender Zeit schon zu erfahren, ob Maxe neben seinen 132 000 Dollar Abendgage auch noch den Titel als Meisterboxer der Welt behält oder nicht. Aber was kann man machen, wenn in das geöffnete Schlafzimmerfenster herein aus dem geöffneten Fenster eines anderen Stockwerks plötzlich ein Lautsprecher brüllt, mitten in die fast absolute Stille?
Unwillig wehrt man sich gegen die verworrenen Geräusche, die die 70 000 Zuschauer in Newyork von sich geben, aber schließlich reißt man doch Augen und Ohren auf.
"Sharkey spuckt Blut, seine Lippe ist gespalten!" "Schmelings Linke saust an Sharkeys Ohr!" So, so. Überall aus den Fenstern brüllen die beiden deutschen Ansager in Newyork, unsere halbe Straße ist hell erleuchtet. In Berlin W in einer kleinen Villa sitzt im Oberstock die ganze Familie in Pyjamas und Morgenröcken um den aufgeregt lärmenden Lautsprecher herum, während gleichzeitig unten unbemerkt Einbrecher für 5000 Mark Silber und Teppiche einpacken. "Aoh, yes, I am happy, Smeling is a fine fighter!", keucht Sharkey nachher ins Mikrophon. Auch der Newyorker Oberbürgermeister Jimmy Walker - die 70 000 haben ihn trotz seines Böß-Prozesses stürmisch begrüßt - sagt uns was durch die Luft über Tausende von Seemeilen hinweg; es klingt, als säße er im Nebenzimmer, nur klingt alles etwas betrunken.
Also nun wissen wir es. Schmeling hat, so hat die Mehrheit der Schiedsrichter geurteilt, nach Punkten verloren, obwohl er der ständige Angreifer war, Sharkey sich nur verteidigte. Bei gleicher Größe hat Schmeling 3 Zentimeter Reichweite mehr, weil seine Arme länger sind. Sharkey ist tüchtig angeschlagen, ein Auge ist ihm völlig zugequollen, das Publikum pfeift und heult zu dem Urteil der Schiedsrichter. Aber da ist nichts zu machen.
In derselben Nacht blüht auch in der deutschen Reichshauptstadt der Boxsport in Straßen, deren Gaslaternen vorher sorglich ausgelöscht sind. Nur sind das nicht faire Zweikämpfe mit 4-Unzen-Handschuhen, sondern Mehrheitsüberfälle mit Schlagring und Messer. Rotfront und Reichsbanner vermöbeln sich oder hauen gemeinsam auf Nationalsozialisten und Stahlhelmer ein. Zur Abwechslung wird auch auf Polizei geschossen. In der nächsten Nacht gibt es schon Barrikaden, in einer Straße müssen Panzerautos gegen die Kommunisten eingesetzt werden. Aber Berlin hat viele Tausend Straßen, in den eigentlichen bürgerlichen Wohnvierteln merkt man nichts von diesem politischen Mordsport, und die Fremden können ruhig im Adlon oder im Fürstenhof oder im Esplanade absteigen, ohne eine Störung ihrer Nachtruhe befürchten zu müssen. In Spanien ist es zur Zeit vielleicht ärger als in Deutschland, selbst wenn man das Ruhrgebiet zum Vergleich heranzieht, wo schon Generalprobe zum Bürgerkrieg stattfindet. Herrn Severing und den übrigen roten Zauberlehrlingen ist vielleicht nicht ganz wohl dabei. Jetzt sähen sie es wohl gerne, daß sie schon abgelöst wären und daß der neue Zentrumskanzler v.Papen, der äußerlich in Opposition gegen sie und das Zentrum steht, den Kampf auf seine Kappe nähme.
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